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Halt, Geborgenheit und Rituale: Teil 1

Ein sehr bekanntes Merkmal autistischer Lebensweise ist die starke Strukturierung und Ritualisierung ihres Alltags – zumindest verglichen mit dem vieler Nicht-Autisten. Dieses Merkmal wurde - und wird teilweise immer noch - als äußerer Ausdruck autistischen Innenlebens gedeutet und hat ihnen den Vorwurf eingebracht, unflexibel und innerlich unbeweglich zu sein - verglichen mit Nicht-Autisten.

     Wie in diesem Blog schon in sehr vielen Texten thematisiert, sind Autisten mental keineswegs unflexibel – verglichen mit Nicht-Autisten sind sie diesbezüglich sogar beweglicher, da sie im Gegensatz zu ihnen nur wenig mit mentalen Vorwegnahmen agieren. In der Situationshandhabung und Kommunikation greifen Nicht-Autisten sehr stark auf vorwegnehmende Annahmen und kognitive Schemata zurück, die zumeist unbewusst und automatisch aktiviert werden. Autisten müssen den mentalen Rahmen und die Erfassung einer Situation bewusst und erst in der Situation selbst erstellen - durch die Informationen, die ihnen die Situation selbst liefert. Das erfordert eine höhere geistige Flexibilität im Umgang mit Informationen als der automatisierte Rückgriff auf Vorwegnahmen, aber auch deutlich mehr Energie. Der über Vorwegnahmen agierende Mechanismus der Nicht-Autisten hingegen – gemeinhin als Prädiktion bezeichnet - ermöglicht diesen einen schnelleren und energieschonenderen Umgang mit Situationen, da in ihm viele Schritte, die ein Autist bewusst vollziehen muss, automatisch erfolgen. Das bedeutet aber auch, dass Nicht-Autisten in dieser Hinsicht deutlich stärker zur Generalisierung neigen als Autisten. Im Gegensatz zum äußerlich sichtbaren Alltag der Autisten, sind Nicht-Autisten innerlich stärker strukturiert und ritualisiert als Autisten - und durch die Automatisierung vieler kognitiver Prozesse ist Nicht-Autisten dies oft nicht bewusst - da kognitive Automatismen nur schlecht vom aktiven Bewusstsein registriert werden. Dafür besitzen Nicht-Autisten durch diese innere Ressourcenschonung mehr Energie im äußeren Bereich und agieren dort deshalb oft deutlich flexibler als Autisten, bei denen ein großer Teil der Energie für innere Handlungen verbraucht wird und entsprechend im Äußeren dann weniger zur Verfügung steht.

     Es handelt sich also um zwei verschiedene Formen innerer Ausstattung, die sich auch äußerlich unterschiedlich zeigen. Die starke Ritualisierung des Alltags ist demnach kein äußerer Ausdruck innerer Starrheit und Unbeweglichkeit bei Autisten. Es handelt sich um einen Kompensationsmechanismus, der aufgrund des hohen Energieaufwands für die inneren Prozesse entsteht und schlicht eine Schonung von Ressourcen darstellt.

     Die Nachteile dieser Art des Agierens sind für viele Nicht-Autisten gut erkennbar. Aber auch das Vorgehen der Nicht-Autisten hat nicht nur Vorteile, wie im Folgenden noch zu zeigen sein wird.    

     Diese Mechanismen zeigen sich jedoch nicht nur in der Alltagsgestaltung, sondern auch in anderen Dingen.

 

Der Körper - Halt geben und Kontrolle behalten

 

Eine Begleiterscheinung der energieaufwendigen Informationsverarbeitung bei Autisten ist ebenfalls äußerlich - für Außenstehende jedoch oft gar nicht zu erkennen. Nicht nur der Alltag der Autisten erscheint oft starr, oft ist auch der eigene Körper ein Abbild davon. Viele Autisten klagen nach längeren Gesprächen – selbst, wenn es lediglich Unterhaltungen mit Bekannten ohne komplexe Inhalte waren – über Muskelstarre und eine extrem feste Muskulatur sowie Unbeweglichkeit, was sich auch in der Mimik zeigt. Viele Menschen kennen die sparsame Mimik und eingeschränkte Körpersprache der Autisten. Auch diese ist ein Ausdruck des hohen inneren Energieaufwands. Soziale Situationen kosten dabei oft besonders viel Energie, weil gleichzeitig mehrere Ebenen laufen, die beim Autisten nicht automatisiert sind, sondern bewusst bearbeitet werden: Inhalte verstehen, Signale des Gegenübers lesen, Timing behalten und rechtzeitig bzw. nicht zu früh reagieren, Hintergrundgeräusche, die Aufmerksamkeit und Energie fordern, Blickkontakt, Erwartungen herausfiltern … Für das innere System ist diese bewusst vollzogene Arbeit ein enormer Aufwand.

     Wenn diese Situationen länger anhalten und der Körper dabei im Bereit-dafür-Sein-Modus bleibt, wird die Muskelspannung zu einer Art Stabilisations- und Schutzstrategie: Haltgeben. Ein Teil der Kontrolle wird dabei an den Körper abgegeben, um die Kontrolle in der Situation zu behalten. Da für Autisten energieaufwendige und stressige Situationen jedoch keine Ausnahme, sondern Alltag darstellen, verändert sich bei ihnen die Regulierung des Muskeltonus oft dahingehend, dass auch die hohe Muskelspannung zum Alltag wird und nicht mehr automatisch nach unten reguliert wird. Wird diese von Autisten nicht selbst durch entsprechende Übungen nach dem Gespräch oder der Situation abgebaut, bleibt der Tonus dauerhaft hoch. Eine Folge davon ist die starre Mimik und Körperhaltung vieler Autisten. Gerade der Kieferbereich gerät in Stresssituationen oft unter Anspannung – das metaphorische „Zähne zusammenbeißen“ rekurriert auf diesen, dann sehr häufigen Impuls. Wenn die hohe Muskelspannung im Kiefer- und Halsbereich dauerhaft wird, führt das nicht nur zu einem starren und abweisenden Gesichtsausdruck - welcher von Autisten zumeist nicht beabsichtigt ist. Es geht damit auch zusehends die Möglichkeit verloren, diese Muskulatur bewusst anzusteuern, wodurch auch die Beweglichkeit des eigenen Ausdrucks eingeschränkt wird. Die inneren Empfindungen von Autisten zeigen sich deshalb oft nicht in ihrer Mimik. Eine weitere gut bekannte Auswirkung davon ist die scheinbar emotionslose und blecherne Stimme, die bei Autisten immer wieder beschrieben wird. Hier ist die Daueranspannung im Halsbereich oft ein wichtiger Mit-Indikator, die Auswirkungen auf Tonlage und Ausdruck hat. Wie angespannt und unbeweglich der Hals- und Kieferbereich auch bei mir lange Zeit war, bemerkte ich erst, als ich aus Neugier einige Lockerungsübungen für die entsprechende Muskulatur auf dem YouTube-Kanal einer Gesangslehrerin ausprobierte.[1]

     Eine besonders üble Folge der hohen Muskelspannung ist jedoch, dass sie den Schlaf massiv beeinträchtigt, wodurch der Wechsel in den Ruhemodus für den Körper oft nicht mehr automatisch gelingt. Obwohl viele Autisten am Abend todmüde ins Bett fallen, gelingt es ihnen nicht, einzuschlafen – und wenn doch, so bleibt der Schlaf oft unruhig und flach.

     Wir alle kennen die Anspannung, die sich im Körper aufbaut, sobald uns etwas in Alarmbereitschaft versetzt. Wenn vor unserem Fenster zum Beispiel ein lauter Knall passiert, würden wir automatisch in eine Schutz- bzw. Bereit-Sein-zur-Flucht-Position gehen. Ein Muskel spielt dabei eine besonders große Rolle: Der sogenannte Psoas – der große Hüftbeuger, der in der psychosomatischen Medizin und der Körpertherapie gut bekannt ist. Da er die Verbindung zwischen Wirbelsäule und den unteren Extremitäten darstellt, wird hauptsächlich er bei der Einnahme dieser Haltungen aktiv, weshalb er auch als „Stressmuskel“ bezeichnet wird. Menschen mit viel Stress kennen die Auswirkungen einer Daueranspannung in diesem Bereich gut, da sie durch diesen Muskel nicht nur in ein permanentes Hohlkreuz gezogen werden, sondern auch Rückenschmerzen bekommen und Spannung, die bis zum Schulterbereich hochzieht und ebenso nach unten in die Beine. Ein besonders niederträchtiger Punkt dabei ist jedoch, dass durch die Anspannung dieses Muskels auch bestimmte Nerven entlang der Wirbelsäule gereizt werden, über die das Signal zum Kopf gelangt, dass etwas nicht in Ordnung ist und wir wachsam bleiben müssen: So viel dann noch zum Thema Schlaf.

     Dass diese Kettenreaktion im Körper entsteht, ist jedoch logisch – wenn der Körper eine Schutzposition einnimmt, wird auch dem Kopf signalisiert, dass etwas da ist, wovor wir Schutz brauchen. Die Anspannung, die daraus resultiert, fällt normalerweise von selbst wieder ab, sobald die Gefahr hinter uns liegt, bzw. wir festgestellt haben, dass keine Gefahr besteht. Wenn der Körper jedoch äußerlich fast dauerhaft in, einem Alarmmodus-artigen Körperspannung verharrt, dann beeinträchtigt dies auch die Möglichkeit des innerlichen zur Ruhekommens, da äußere und innere Haltung einander triggern. [2]

     Bei Autisten entsteht die hohe Muskelspannung natürlich nicht nur in der Kommunikation, sondern auch allgemein durch die hohe Reizbelastung. Der Körper verhärtet sich in Abwehr gegen die Reize und wird praktisch zu einer Rüstung. Durch die Kieferanspannung in diesen Situationen werden zum Beispiel die Hörkanäle verengt, was eine Herabsetzung der Geräuschaufnahme zur Folge hat. Häufig entsteht dadurch aber auch der bekannte Schläfenkopfschmerz.

     Was ein Autist dann benötigt, um aus diesem Kreislauf herauszukommen, sind nicht unvorhersehbare Dinge, die sofort wieder Muskelspannung und entsprechende Haltungsmuster triggern oder verstärken. Was dann notwendig ist, sind klare und sichere Bahnen und die Signale, dass jetzt wieder alles in Ordnung ist – dass das Haltgeben nicht mehr Sache des Körpers ist und er loslassen kann. Da ein Körper unter Dauerstress diese Wechsel nicht mehr eigenständig vollzieht, müssen sie durch eigene Handlungen bewusst angetriggert und herbeigeführt werden. Für mich als Autistin bedeutet dies einen insgesamt zweistündigen Maßnahmenkatalog, der über den Tag verteilt vollzogen wird, um sicherzustellen, dass man am Abend – Erschöpfung hin oder her - überhaupt in der Lage sein wird, zu schlafen.

 

Und, wie war dein Tag?

 

Tja, nun - am Abend liegt man auf seiner Yogamatte, um noch möglichst viel Anspannung loszuwerden, und ist dankbar, dass Yin-Yoga-Positionen immer im Sitzen oder Liegen stattfinden, und man sich nicht noch einmal zu anstrengendem Sport aufraffen muss. Anschließend hat man trotzdem das Gefühl, auf sein Lese-Kanapee zu kriechen. Man zündet die Kerze an, die auf dem Fensterbrett danebensteht – neben dem Stapel Bücher.

     Sobald die Kerze brennt, ist dies das Zeichen, dass an diesem Abend nichts mehr geschehen wird, außer Lesen und sich schlafen zu legen. Auf dem Bücherstapel befindet sich selbstverständlich kein einziges Fachbuch – zumindest keines, dass auch nur entfernt mit dem aktuellen Arbeitsthema zu tun hat. Diese dürfen sich nur am Schreibtisch und in dem Regal daneben befinden und auch nur dort gelesen werden. Zum Kanapee, dass nur mit Freizeit und Entspannung verbunden ist, darf keine Arbeit mitgenommen werden.

     Ich gestehe, auch ein Vielleser wie ich, hat manchmal das Gefühl, abends zu müde zu sein, um auch nur eine einzige Zeile zu lesen – und stattdessen nicht sofort auf dem Kanapee einzuschlafen. Auch wenn ich weiß, dass es hilft, von den Informationen wegzukommen, die während des Tages und der Arbeit relevant waren. Aus diesem Grund liegen auch immer mehrere Bücher auf dem Stapel, um sich durch entsprechende Angebote doch noch dazu bewegen zu können – ohne sich noch einmal vom Kanapee wegbewegen zu müssen: Nur ein einziges Gedicht oder eine Ballade. Nur eine einzige Erzählung, ein einziges Essay, ein kurzes Kapitel. Ein einziges schönes Märchen, eine einzige wohlig-schaurige Sage – nur einen einzigen Tagebucheintrag aus einer spannenden Epoche, die nicht die ist, mit der ich mich gerade während der Arbeit beschäftige …

     Dem Bett wird außer bei Schlaf oder Kranksein ferngeblieben. Und E-Mails auf dem als Wecker dienenden Smartphone dürfen dort schon gar nicht beantwortet werden. Dafür gibt es den Schreibtisch. In der Mittagspause gibt es keine Mensa oder Cafeteria, sondern nur die eigene Küche und statt zum Mittagessen zu gehen, wird das Mittagessen erst einmal gekocht und während andere noch plaudernd mit Kollegen zusammen einen Kaffee trinken, wird die Küche gemacht. Und dann ist die Mittagspause auch schon wieder um.

     Da viele Autisten Empfindlichkeiten bei Nahrungsmitteln aufweisen und schlechte oder unregelmäßige Ernährung ebenfalls ein Dauerstressfaktor für den Körper darstellt, ist es für viele wichtig, genau im Blick zu behalten, was in ihrem Essen eigentlich enthalten ist. Für mich als Leistungssportlerin kommt noch ein weiterer Grund hinzu. Zwar ist das Ballett mein Hobby und nicht mein Beruf – aber wer dreimal wöchentlich trainiert und die Balletttechnik konsequent übt, der vollbringt Hochleistungssport, auch wenn er keine Bühnenkarriere anstrebt. Denn im klassischen Ballett muss man seinen Körper vollkommen beherrschen. Hinzu kommt eine wöchentliche Qi Gong-Klasse, und das man sich morgens vom Bett direkt auf die Yogamatte rollt, da auch der Tag mit Bewegung begonnen wird, bevor es Frühstückszeit ist – und er endet auch damit. Ballett und Bewegung haben für mich über die Freude an daran hinaus wichtige Vorteile, im Alltag und im Beruf, auf die ich jedoch in einem gesonderten Artikel eingehen werde.

     Bei diesen kurzen Ausschnitten aus meinem eigenen Alltag möchte ich es belassen. Hinzugefügt sei jedoch, dass noch die Alltage unserer eigenen Eltern ähnlich stark strukturiert und ritualisiert waren wie die vieler häutiger Autisten. Die oft strengen Regeln bedeuteten immer auch Sicherheit und Energie- und Ressourcenschonung - mit Vorteilen, deren Wegfallen auch viele Nicht-Autisten heute negativ spüren.

 

Ritual vs. Zwangshandlung

 

Die starke Ritualisierung des autistischen Alltags ist demnach kein äußerer Ausdruck innerer Starrheit und Unbeweglichkeit. Es handelt sich um einen Kompensationsmechanismus, der aufgrund des hohen Energieaufwands für die inneren Prozesse entsteht und schlicht eine Schonung von Ressourcen darstellt. Es zeigt auch den Unterschied zu den bei einer Zwangsstörung zu beobachteten Handlungen, die nicht nur von Außenstehenden, sondern auch den Betroffenen selbst als übertrieben und sinnlos erlebt werden. Für die autistische Alltagsstrukturierung gilt dies nicht, obgleich ihr Sinn für Außenstehende auch nicht immer erkennbar ist.  

     Während Zwangshandlungen für die Betroffenen eine Quelle von Stress und Belastung darstellen, bedeutet die strikte Ritualisierung ihres Alltags für viele Autisten Stressreduzierung, Entlassung, Energieeinsparung und vor allem Sicherheit. Durch seine äußeren Alltagsrituale kanalisiert der Autist sein umfangreiches Innenleben, indem er sich im Außen ritualisiert und reduziert. Dieser Ritualisierungsvorgang zur Generierung von Sicherheit und Energieschonung findet bei Nicht-Autisten ebenso statt – darauf wurde bereits am Anfang des Textes hingewiesen. Vollziehen sich solche Handlungen jedoch im mentalen Bereich – so führt das neben Energieschonung, Stressvermeidung und Energieeinsparung auch zu negativen Folgen. Was die Negativ-Folgen des starren autistischen Alltags und seiner äußeren Ritualisierung sein können, jedoch nicht sein müssen - ist wahrscheinlich den meisten bewusst: Vereinsamung, verminderte gesellschaftliche Teilhabe und aufgrund mangelnder Spontanität reduzierte Einbindung in das Leben anderer Menschen, besonders wenn sich dieses zumeist spontan und in Gruppen vollzieht.

     Aber was kann die Kehrseite der Ritualisierung im inneren Bereich sein? Hierzu kann man stichwortartig die Ritualisierung des Denkens und der Situationswahrnehmung nennen. Das bedeutet Generalisierung von Sachverhalten, Übertragung von immer gleichen Denkschemata auf sehr unterschiedliche Sachverhalte, Schablonen und auch ein Hang zum Freund-Feind-Denken. Auch Autisten sind davor nicht gefeit, aufgrund ihrer veränderten Informationsverarbeitung aber weniger anfällig als Nicht-Autisten. Aber woran erkennt man als Autist ein solchen Verhalten im Alltag bei Nicht-Autisten?

     Wie man eine solche Ritualisierung des Denkens erkennt, und wie und weshalb sie überhaupt zustande kommt – das werden wir uns im zweiten Teil dieses Blogbeitrags an einem gesellschaftsgeschichtlichen Beispiel ansehen.     

 



[2] Der Lehrer meiner Online-Qi Gong-Klasse hat diese Zusammenhänge in einem Training vom 09.02.2026 erklärt. Die Aufzeichnungen der Live-Trainings können jedoch nur von Kanalmitgliedern eingesehen werden.   

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