· 

Das Mädchen aus dem Gemälde

Das Mädchen aus dem Gemälde hieß vermutlich Cacilda - aber ganz sicher war sie sich nicht. Aus ihrem Schaukelstuhl blickte sie zum geöffneten Fenster und man konnte ihr Gesicht nicht sehen, lediglich ihr dunkles Haar und einen hellen Streifen Profil. Die Sonne fiel warm herein und es war wahrscheinlich schon Nachmittag. Vor dem Fenster war der goldene Hauch des Paratodo-Baumes zu sehen, nur angedeutet und vermutlich zu weit weg, um seine Blätter zu berühren - selbst, wenn das Mädchen am Fenster gesessen hätte. Auf ihrem Schoß lag trotz der Wärme eine gestreifte Decke, die zusätzlich zu ihrem Rock über ihre Beine fiel und diese fast verdeckte. Dabei war es in Corumbá so warm, wie es in Chmelnyzkyj* in keinem Sommer je gewesen war, weshalb Mensch und Tier hier die Nachmittage verschliefen und selbst die großen Wälder in der Hitze verstummten. Aber die Beine des Mädchens waren immer kalt. Der rechte Fuß, der hervorschaute, zeichnete sich seltsam steif unter der Decke ab, in einer Position, als ob sie sich anschicken würde, aufzustehen. Aber das würde sie nicht, denn das Mädchen konnte nicht gehen. Nicht mehr.  

     Nicht mehr, seit … das Mädchen hatte nur noch wenige Erinnerungen daran, wann und was es gewesen war. Es schien, als würde die Sonne Brasiliens ihre Erinnerungen auftrinken wie Wasser auf heißem Stein und Tränen auf kalten Wangen unter starren Blicken. Es war kalt gewesen, aber … Sie hatte damals nicht geweint. Noch nicht. Und danach blieb keine Zeit mehr. In Odessa war es wärmer gewesen, aber in ihr selbst herrschte noch immer Winter. Und nach der Ankunft in Brasilien, wo es so warm war, dass die Zweige die Blätter niemals verloren, begannen ihre Beine einzufrieren. Sie konnte nicht mehr allein zum Fenster gehen. Und jetzt - jetzt da alle schliefen, war niemand da, der ihren Schaukelstuhl dorthin schieben konnte. Zumindest ihre Hände spürten die Wärme, doch die Sonne auf ihrem Gesicht blieb ihr verwehrt. Aber hinter dem Fenster, dem Parato-Baum und der weißen Gartenmauer - da lagen die bewaldeten grünen Hügel und Corumbá mitten in ihrem Schoß. Sie hatte sie gesehen, als sie, schon steif, in sehr langsamen Schritten von Bord ging. Aber …

     ‚Wenn die Kälte in mir erst einmal in der Wärme dieses Landes getaut sein wird, werde ich dort hinaufwandern‘, hatte sie gedacht, während sie zu den Hügeln aufblickte. Dann hatte eine Hand sie weiter vorwärtsgedrängt und sie war fast die Rampe herabgestolpert.

     Aber ihr war auch in der Sonne im Süden von Brasilien oft kalt geblieben. Besonders nachts war es schlimm. Während ihre Beine unbeweglich da lagen, ballte sie die Hände unter dem Leinenlaken so fest, dass ihre Knochen weiß hervortraten, als seien sie bloßgelegt. Aber auch das Bett war tagsüber abgedeckt, ebenso wie ihre Beine und sie hasste es, darin zu liegen. Sobald sie es tat, drang Kälte wie von tiefem Schnee in ihren Rücken und in ihr dämmerte die vage Erinnerung herauf, dass sie sich auch damals nicht hatte rühren können. Aber in Brasilien hatte es nie geschneit und der Schnee war es nicht gewesen, der sie daran gehindert hatte, sich zu bewegen. Doch das Mädchen hatte nur eine vage Erinnerung. Sie umklammerte die Armlehnen ihres Schaukelstuhls, als wolle sie sich tatsächlich aus der Reglosigkeit empor drücken. Doch auch dieses Mal gelang es ihr nicht.

     Mit unterdrückter Sehnsucht starrte sie weiterhin auf das geöffnete Fenster. Ob in der stehenden Luft ein Hauch durch die Äste streifen würde? Ob es Vögel darin gab, die unter der Last der Wärme nicht schwiegen? Ob sie dann nicht mehr das Gefühl haben würde, unter der Last ihrer eigenen Hilflosigkeit zusammenbrechen zu müssen?

     Unweit des Mädchens stand ein kleiner Tisch im Zimmer, darauf lagen Briefe an Chaja. In kyrillischer Schrift. Wer war Chaja gewesen?, fragte sich das Mädchen, dass vermutlich Cacilda hieß. Und warum war Chaja nicht hier? Warum war sie nicht mit ihnen nach Brasilien und nach Corumbá gekommen?

     Weil Chaja in Chmelnyzkyj geblieben war. Im Schnee und der Kälte des Winters, den das Mädchen auf dem Gemälde noch immer in sich trug. Aber wenn Chaja noch immer im Schnee lag, war sie dann jetzt tot? Das Mädchen wollte die Hand nach den Briefen austrecken. Sie wollte sich erinnern, wer Chaja war. Doch auch an die Briefe reichte sie nicht heran, genauso wenig wie ihr Gesicht an die Wärme der Sonne. Doch ihr Licht fiel auf etwas anderes unter den Briefen. Etwas mit einem dunklen Rand und einem amtlichen Stempel. Eine Urkunde, erinnerte sich nun das Mädchen. Mit einem Kreuz. Eine … Taufurkunde? Sie war getauft worden auf den Namen … Cacilda? Wusste sie etwa deshalb nicht, ob sie wirklich Cacilda hieß, weil sie einmal anders geheißen hatte?

     Cacilda war eine Prinzessin nicht-christlichen Glaubens gewesen, die nach ihrer Taufe zur Einsiedlerin geworden war und Wunder erlebt hatte. Auch das Mädchen wartete darauf. Sie wartete noch immer darauf, ihre Beine eines Tages wieder bewegen zu können, während andere bangend erwarteten, dass die Lähmung auch den Rest ihres Körpers befiel. Sie wartete darauf, dass der Winter vorüberging und das Eis in ihr schmolz, das auch Teile ihrer Erinnerung befallen hatte. Und gleichzeitig fürchtete sie sich davor. Sie erinnerte sich, in Chmelnyzkyj flammend rote Herbstblätter gesehen zu haben, umgeben von einem Kranz aus Frostkristallen des plötzlich eingetretenen Winters und inmitten ihres dahingehenden Lebens erstarrt. Sie konnten nicht zurück. Und sie konnten auch nicht nach vorn. Auch sie konnte es nicht. Und wenn sie an Chaja dachte, so dachte sie zugleich an etwas anderes, ebenfalls Rotes, das nur wegen der Eisschicht nicht länger blutete. Die Sonne vor dem Fenster zum Garten erreichte ihr Gesicht nicht, doch wenn in der Hitze des Nachmittages ein Windhauch aufsteigen und durch ihr Haar streichen würde, als wolle er sie zum Fenster ziehen - dann würden auch die Strahlen der Sonne es erreichen und rötlich aufglänzen lassen. Es würde nicht mehr matt und dunkelbraun erscheinen, wie auf dem Gemälde, sondern dunkelrotbraun wie Kieferrinde und wie Chajas Haar in Chmelnyzkyj - bevor der Winter gekommen war. Der Schnee hatte ihr bis zur Hüfte gereicht, während sie sich hindurchkämpfte und auf die Milizionäre zuging. Sie hatte Schüsse auf den Straßen gehört und die russischen Soldaten gesehen. Und sie war mit ihren kleinen Schwestern allein gewesen. Chaja war nach draußen gegangen, sie hatte die Soldaten angefleht und dann … sie hatte … Chaja hatte … einen Schlag vor den Kopf bekommen. Ihr war Blut aus den roten Haaren und über die Stirn geflossen. Doch als sie sich aus dem Schnee aufrichtete, war das Blut in der eisigen Kälte gestockt. Sie musste längere Zeit dort gelegen haben. Sie kroch auf allen Vieren zurück zum Haus. Als ihre Eltern zurückkehrten, sprachen weder sie noch die kleinen Schwestern. Chaja sprach danach sehr lange nicht mehr.

     Aber Chaja war auf dem Foto, dass die Familie in Odessa hatte anfertigen lassen, um ihre Papiere vor der Überfahrt nach Brasilien zu vervollständigen, und das am Rande des Gemäldes über dem Bett des Mädchens hing. Aber warum glaubte das Mädchen auf dem Gemälde dann, dass Chaja in Chmelnyzkyj geblieben war? Und warum war sie von Odessa aus nicht mit nach Corumbá und nach Brasilien gekommen? Warum war nur Cacilda hierhergelangt?

    Weil für die Einreise nach Brasilien die katholische Taufe verlangt worden war. Deswegen war Chaja in der Ukraine zurückgeblieben und nur Cacilda nach Brasilien gelangt. Aber Cacilda … das Mädchen auf dem Gemälde … sie war in Chmelnyzkyj und Odessa noch Chaja gewesen. Und Chaja war in Chmelnyzkyj während der Pogrome von Soldaten vergewaltigt und von ihnen mit Syphilis infiziert worden. Diese Krankheit hatte Cacildas Körper in Corumbá zu lähmen begonnen, obgleich sie Brasilien erreicht hatte und Chaja nicht. Aber Cacilda, die nicht-christliche Prinzessin, hatte einst Wunder erlebt. Und auch Chaja hoffte noch immer darauf**.  

 

* Mir ist bewusst, dass die Stadt Chmelnyzkyj diesen Namen erst ab 1954 trug und zuvor Proskurow hieß. Der Name wurde  in Anlehnung an den gleichnamigen Ataman und Anführer des Chmelnyzkyj-Aufstandes gegen die Adelsrepublik Polen-Litauen - Bohdan Chmelnyzkyj - vergeben. Die anachronistische Verwendung des Stadtnamens ist jedoch bewusst gewählt, da es während des Chmelnyzkyj-Austandes zu schweren Pogromen und Massakern an der jüdischen Bevölkerung der Ukraine kam. Diese galten lange als die größte Katastrophe in der Geschichte der europäischen Juden - bevor es zum Holocaust kam. Die Verwendung des neuen Stadtnamens wird hier bewusst in Analogie zu den Gewalterfahrungen der Protagonistin während der Pogrome im 20. Jh. verwendet.           

** Dieser Text wurde von einem Forschungsprojekt inspiriert, an dem ich mitarbeite.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0