Es war längst nach Mitternacht als Cela, wie immer als Einzige noch wach, die Staubpartikel im bleichen Mondlicht über ihrem Spinnrad funkelnd auf- und absteigen sah, als bewegten sie sich im Rhythmus des Atems, der in diesem Raum vor vierzehn Jahren verklungen war. Das Spinnrad stand nur nachts still. Es hieß unter den Frauen, dass untätiges Herumsitzen eine Sünde war, die Unheil anlocken würde. Doch obgleich Cela unermüdlich ihre Spule drehte, war das Unheil bereits vor vierzehn Jahren in ihrer Gestalt erschienen.
‚Dort webt im Grunde eine Spinne ihr Netz, das sie schon bald auf uns herabsenken wird‘, sagten sie. Vierzehn Jahre war es her, dass Celas Mutter den letzten Atemzug getan hatte, während sich das Kind noch aus ihrem sterbenden Leib hervorquälte.
‚Dieses Kind wurde durch eine Tote ins Leben gebracht‘, sagten die Leute. Die Großeltern zogen Cela auf und stellten für ihre eigene verstorbene Tochter Milch und Nahrung bereit, die sie manchmal als Geist unter ihnen umherzugehen hören meinten. Auch Cela glaubte manchmal, sie im Vorübergehen zu streifen und dass ihre Mutter, obgleich nicht leibhaftig da, in der Gemeinschaft mit ihnen geblieben war. Bis die Tote nach sieben Jahren plötzlich leibhaftig vor ihnen stand. Cela wollte sich in ihre Arme werfen, doch die Großeltern, die sie entsetzt zurückhielten, warfen ihr die Tür vor der Nase zu und verriegelten sie. Doch um Mitternacht, als Cela erwachte, sah sie ihre Mutter neben ihrem Bett stehen. Die Frau, die in diesem Raum gestorben war, blickte herab auf das Kind, das ins Leben zu bringen, ihr den Tod gebracht hatte, und das in dem Bett schlief, das das Sterbelager seiner Mutter gewesen war. Sie setzte sich neben sie und zog das Kind in ihre Arme. Sie küsste Celas Wange und strich über ihr rotbraunes Haar. Cela schmiegte sich an ihre Brust, in der kein Herzschlag mehr zu spüren war, doch dies verblasste davor, endlich ihre Umarmung zu spüren, nach der sie sich immer gesehnt hatte. Sie fühlte ihre Hand über Kopf und Rücken streichen, wie sie ihre Stirn küsste und sie wich auch nicht zurück, als sich ihr Gesicht in ihre Halsbeuge drückte. Ihre Hand lag in der ihren. Sie waren wieder vereint. Doch plötzlich durchbrach ein stechender Schmerz ihre Brust. Sie krallte sich in das Tuch ihrer Mutter und spürte, wie diese schluckte und saugte. Die Mutter, die ihrer Tochter nie die Brust gegeben hatte, trank nun das Blut ihres Kindes aus seinem Herzen! Sie schrie entsetzt auf und wollte sie fortstoßen. Ihre Freude wandelte sich in eisige Furcht. Die Großeltern stürzten alarmiert in den Raum und rissen sie aus den Armen ihrer Mutter. Ihre Großmutter trug sie hinaus, während hinter ihr Gerangel ertönte. Dann wusste Cela nichts mehr. Sie fühlte, wie eine Hand ein Tuch auf ihre Brust presste. Dann wurde sie ohnmächtig. Sie erwachte elend und schwach zwischen ihren Großeltern liegend, die sie in ihr Bett genommen hatten. Sie hatten die Arme um sie gelegt und offenbar glaubten sie, dass Cela schliefe. Denn ihre Worte konnten nicht für sie bestimmt sein.
‚Sie suchen immer erst die eigenen Familienmitglieder heim. Sie nähren sich vom Leben der Menschen, denen sie entrissen wurden‘, flüsterte ihre Großmutter. Ihre Hände strichen über Celas Haar. ‚Erst trinken sie das Blut ihrer Familie, dann das all derer, die ihren Weg kreuzen. Wo ist sie jetzt?‘
‚Sie ist zurück zu ihrem Grab gegangen‘, erwiderte Celas Großvater. ‚Sie sind nach ihrer leiblichen Rückkehr noch für sieben Jahre an ihr Grab gebunden. Erst dann ziehen sie weiter in andere Dörfer und Städte und bewegen sich unter ihren Bewohnern, als ob sie Menschen wären.‘
‚Ghiță‘, fuhr ihre Großmutter beschwörend fort. ‚Es wird weit weniger als sieben Jahre dauern, bis in diesem Dorf keine Menschen mehr übrig sind. Selbst wenn wir nicht dazu bestimmt wären, ihre ersten Opfer zu werden, dürften wir das nicht zulassen.‘
‚Lass uns noch abwarten‘, erwiderte ihr Großvater. ‚Vielleicht irren sich die alten Legenden und sie ist nur in dieser einen Nacht zu uns gekommen.‘
Es schien zunächst, als habe sich ihr Großvater nicht geirrt. Celas Großmutter legte einen Kreuzanhänger aus Weißdorn um den Hals ihrer Enkelin, so wie in der antiken Mythologie der Gott der Unterwelt den Menschen den Zweig des Weißdorns gab, der die Striegen abschrecken sollte. Ihre Mutter kehrte nicht noch einmal zurück. Aber schon bald häuften sich Gerüchte über Kinder, die im Dorf starben, nachdem in der Nacht eine unheimliche Gestalt an ihre Tür geklopft hatte. Die ersten waren Ana und Nikola, Celas Cousine und ihr Cousin.
‚Warum?, stieß ihr Onkel hervor, während der Priester das Grab seines Sohnes mit Weihwasser besprengte. ‚Warum hat sie sie nicht getötet?!“ Sein Finger deutete auf Cela.
‚Sie hätte zuerst sie töten müssen!‘
‚Beruhige dich‘, sagte seine Schwester mit dumpfer Stimme, die leiser sie um ihre verstorbene Tochter trauerte. Doch auch ihr Blick wandte sich mit einem undeutbaren Ausdruck in Celas Richtung.
Es hörte nicht auf. Ihre Mutter fuhr fort, das Dorf heimzusuchen wie eine unheimliche Krankheit. Von der Geburt ihres eigenen Kindes zu Tode gebracht, tötete sie nun die Kinder anderer. Die Kinder erwachten nachts schwach und elend mit stechenden Schmerzen in der Brust und verstarben meist noch am nächsten Tag. Doch nur sie gaben an, die Tote wirklich gesehen zu haben. Kein anderer sah sie kommen und niemand hörte sie an ihre Tür klopfen. Es schien, als hörten und sahen sie nur ihre kommenden Opfer. Die Sache blieb rätselhaft. Hätten sie sie nicht selbst gesehen, wären Cela und ihre Großeltern geneigt gewesen, an eine Krankheit zu glauben, die vielleicht mit Halluzinationen einherging. Und dass die Kinder nur angaben, Celas Mutter gesehen zu haben, weil sie davon gehört hatten, wie sie sie gesehen hatte. Ihre Großeltern saßen immer öfter brütend in dunklen Gedanken am Küchentisch.
‚Wir hätten es ihnen nicht sagen sollen.‘ Und auch sie begannen undeutbar in Celas Richtung zu blicken.
Cela wusste, dass der Tag kommen musste, an dem sie das Grab ihrer Mutter öffnen würden. Und sie wusste, was dann geschehen würde. Nur so würde die Plage enden. Diesmal würde es nicht sieben Jahre dauern. So wie es sieben Jahre gedauert hatte, in denen ihre Mutter als Geist umherging, dauerte es nach ihrer leiblichen Rückkehr für gewöhnlich sieben Jahre, bis die Toten den Ort ihres Todes verließen. Und meistens hinterließen sie eine Spur des Terrors. Cela war schwindlig und übel an jenem kalten Morgen, als die Dorfbewohner sich um das Grab sammelten. Die Kette schien an ihrem Hals zu schmerzen und Zug auszuüben, fast als wolle etwas in dem Grab sie zu sich hinabreißen. Die Männer begannen, die Erde aufzugraben. Darum versammelten sich ausschließlich rumänische Bauern, die wenigen Deutschen im Dorf hielten sich fern. Doch zwei von ihnen beobachteten das Geschehen aus der Nähe mit verhohlener Neugierde. Einer der Männer hielt inne, als seine Schaufel mit der schwarzen Erde den weißen Zipfel des Leichentuches hervorhob. Sie legten ihre Spaten beiseite und begannen, die Erde mit den Händen fortzuschieben. Schließlich zogen sie das Leichentuch auseinander. Ein Schrei ertönte.
‚Blut! Von ihren Mundwinkeln läuft Blut herab.‘ Celas Herz schmerzte und der Drang, nach vorn zum Grab zu stürzen, wurde immer stärker. Doch sie hielt sich zurück, die Hände im Stoff ihres Rockes vergraben. Sie wollte die Leiche nicht sehen und sie wollte auch nicht sehen, was mit ihr geschah.
‚Den Pflock!‘, rief der Priester. ‚Rasch!‘ Ein Weißdornpflock wurde hastig nach vorn gereicht. Cela presste die Augen zusammen. Ein dumpfes Geräusch ertönte. Stille. Dann ertönte es ein weiteres Mal. Dieses Mal stärker. Doch wieder antwortete Stille. Cela horchte auf.
‚Es funktioniert nicht!‘, ließ sich eine Stimme vernehmen. ‚Der Pflock lässt sich nicht in ihren Körper hineintreiben!‘
‚Beiseite!‘, fuhr die Stimme des Priesters dazwischen. Cela hörte, wie er vortrat. Ein kurzer Moment des Innehaltens. Sie atmete flach.
‚Den Spaten! Wenn sie sich nicht im Grab festnageln lässt, müssen wir den Körper zerstückeln. Den Spaten! Trennt den Kopf ab!‘ Cela taumelte rückwärts, doch zu spät. Das Geräusch traf auf ihre Ohren, jemand schrie auf und ihr Magen quetschte sich zusammen. Leere machte sich in ihrem Kopf breit. Sie presste eine Hand auf den Mund, versuchte zu schlucken, doch der Druck zog sie nach vorn. Sie übergab sich zwischen die Grasbüschel. Vielleicht sah sich jemand nach ihr um. Aber es kümmerte sie nicht. Sie kroch auf allen vieren zur Seite und ließ sich ins nasse Gras fallen. Ihr Atem ging schnell. Sie blickte in die Leere des bleichen Himmels hinauf. Ihr Herz schlug laut in ihren Ohren. Als sie gerade dachte, sich aufrichten zu können, drang ihr plötzlich ein widerwärtiger Gestank in die Nase. Die Leute hatten die Leiche ihrer Mutter in Brand gesteckt. Cela kroch auf dem Bauch liegend vorwärts, doch dem Brandgeruch konnte sie nicht entrinnen, auch nicht, als sie das Gesicht im taunassen Gras vergrub. Wer hatte geschrien? War es ihre Mutter gewesen? Die Leute sagten, ihre Mutter lebe noch im Grab, sie musste etwas gefühlt haben. Ihre Sicht verschwamm und Cela glaubte nicht, dass es der Tau war, der sie undeutlich machte.
Erschöpft und elend blieb sie am Rand des Geschehens kauern, bis schließlich ihre Großmutter näherkam und ihr die Hand auf den Rücken legte. Cela rieb ihre geröteten Augen.
‚Hier, trink das.‘ Einer der Dorfbewohner hielt ihr einen Becher entgegen. Ihre Großmutter wollte protestieren, doch Cela ergriff ihn und stürzte die Flüssigkeit ihre raue Kehle hinunter. Es dauerte nur einen Moment, bis sie den rauchigen kohleartigen Geschmack zuordnen konnte. Es war in Wasser gelöste Asche. Ihre Augen wanderten zu dem offenen Grab. Sie übergab sich ein zweites Mal. Ihre Großmutter zerrte ihr den Becher aus der Hand und leerte ihn ins Gras.
‚Aber sie muss trinken!‘, widersprach eine Stimme. ‚Sie ist als einziges der Kinder nicht getötet wurden. Sie – ‘
‚Warum eigentlich nicht?‘, unterbrach eine zweite Stimme die Beteuerungen. Cela schaute zu Boden. ‚Warum nicht?‘ insistierte die Stimme. ‚Sie hätte sterben müssen. Ein Strigoi tötet immer zuerst die eigenen Familienmitglieder. Warum hat sie es überlebt?‘
‚Das ist doch ganz klar!‘, mischte sich nun die Stimme ihres Onkels ein. ‚Weil eine Krähe einer anderen kein Auge aushackt!‘ Und Cela wusste, dass sein Finger erneut auf sie deutete.
‚Unsere Schwester war tot, als sie sie aus ihrem Leib holten, und nach ihrem Tod wurde sie zu einer Striege. Und wir alle wissen, dass wer von einer Striege abstammt, nach seinem Tod selbst zu einer Striege werden wird. Was ihre Mutter begonnen hat, wird sie, wenn sie tot ist, an uns vollenden! Dieses Dorf ist immer noch in Gefahr!‘ Er packte Celas Arm und riss sie auf die Beine. Seine Finger öffneten grob den Mund des Mädchens und tasteten nach ihren Zähnen. Celas Großmutter entwand sie seinem Griff.
‚Wenn du tatsächlich rechthaben solltest, dann fass sie nicht so grob an, sondern bete, dass sie lange lebe auf Erden, damit auch wir es tun!‘ Ihre Stimme war kalt. Ihr Onkel wich einen Schritt zurück, starrte wütend auf seine Mutter, dann auf seine Nichte hinab. Schließlich wandte er sich um und ging zwischen den erstarrten Dorfbewohnern hindurch. Keiner von ihnen sprach ein Wort.
Cela erinnerte sich, dass sie erst am späten Abend dieses Tages wieder gesprochen hatte.
‚Hatte sie Schmerzen?‘ Ihre Großeltern sahen sie erstaunt an.
‚Ich habe einen Schrei gehört. Hatte sie Schmerzen?‘ Beide setzten ihre Schüsseln ab und tauschten Blicke.
‚Nein‘, sagte ihr Großvater schließlich. ‚Der Schrei kam von einer Frau, die nah bei dem Priester stand. Deine Mutter hat nicht geschrien und keine Schmerzen gespürt.‘ Doch Cela wusste nicht, ob sie es glauben konnte.
Sie wandte den Blick vom Spinnrad ab und rollte ihren erschöpften Körper auf die Seite. Sie presste die Nase in die raue Wolldecke. Nach diesem Tag war das Leben, das Cela gekannt hatte, für immer vorbei. Die anderen Kinder wollten nicht mehr mit ihr spielen und die Erwachsenen wandten sich ab, wenn sie vorüberging. Einmal hatte ein Junge einen Stein nach ihr geworfen, doch sein Vater hatte ängstlich seine Hand festgehalten, als er nach einem zweiten greifen wollte.
‚Nicht! Du könntest sie am Kopf treffen und töten!‘ Der Steinwurf, der Celas Rücken gestreift hatte, war weniger schmerzhaft gewesen als diese Worte. Die Menschen mieden sie und sprachen kein Wort mehr zu ihr. Keiner wollte einen Raum betreten, in dem sie sich aufhielt. In der Kirche saß sie allein neben der Tür auf einem einsamen Stuhl. Niemand blickte ihr in die Augen. Niemand reagierte auf ihre Worte, wenn sie sprach. Cela bewegte sich unter den Menschen, als lebe sie schon jetzt nicht mehr. Die Dorfbewohner schienen entschlossen, ihr das Leben, von dem sie beteten, dass es lange währen möge, zur Hölle zu machen. Ihre Tage fühlten sich immer unwirklicher und leerer an und ihre Teilhabe an der diesseitigen Welt nur noch wie eine ferne Erinnerung. Nachts lag sie schlaflos da und wartete auf den Morgen. Nur in der Dämmerstunde vermochte sie manchmal ein wenig Ruhe zu finden. Doch die Nacht hindurch lag sie wach im Bett ihrer Mutter, während ihr Blick im Raum umherglitt und manchmal hatte sie das Gefühl, dass er den Raum verlassen und im Haus umherirren würde, während ihr Körper zurückblieb. Es hieß, dass Strigoi zwei Seelen besaßen, von denen eine sich vom Körper lösen und des Nachts umherstreifen konnte. Cela wusste nicht, ob sie es tat, oder ob ihre Erschöpfung ihr einen Wachtraum vorgaukelte. Doch manchmal glaubte sie nachts in dem dunklen Zimmer ihrer Großeltern zu stehen und den Kummer auf ihren Gesichtern im Schlaf zu betrachten. Die Beiden waren die Einzigen, die noch mit ihr sprachen. Und wenn sie bei ihnen war, entsann Cela sich der letzten Worte ihres Onkels an sie, die auch seine letzten geblieben wären, wenn er sich nicht dem allgemeinen Schweigen der Dorfbewohner angeschlossen hatte. Denn er brach sich kurz darauf bei einem Sturz den Hals. Doch seine letzten Worte hatte Cela niemals vergessen können.
‚Ein Strigoi tötet immer zuerst die eigenen Verwandten. Was ihre Mutter begonnen hat, wird sie, wenn sie tot ist, an uns vollenden.‘ Cela betrachtete ihre schlafenden Großeltern. Sie waren die letzten, die noch mit ihr sprachen. Und sie würden die ersten sein, die sie töten würde, wenn sie selbst tot war.
Aber konnten nicht noch viele Jahre bis dahin vor ihr liegen und würden ihre Großeltern nicht ohnehin vor ihr sterben?‘ Cela wollte es gerne glauben, denn danach konnten ihr alle anderen egal sein. Doch sie wusste aus dem Rumoren der Leute über sie, dass Strigoi für gewöhnlich nicht lange lebten. Zu stark schien der Drang nach der Welt zu sein, in die sie eigentlich gehörten. Wenn sie sich in ihrem Handspiegel betrachtete, sah sie in ihrem Haar bereits graue Strähnen, von denen immer wieder einige beim Kämmen in den Zinken hängenblieben. Und um ihre Augen, die tief in den Höhlen zu liegen schienen, zeichneten sich dunkle Schatten ab. Cela war vierzehn Jahre alt. Sieben weitere Jahre waren seit jenem unglückseligen Schreckenstag vergangen. Ihre Altersgenossinnen heirateten jetzt, begannen einen neuen Lebensabschnitt, während Celas Leben abgeschnitten worden war und sich in einen Warteraum zum Tod verwandelt hatte, der doch nicht eintreten durfte. Celas eigene Mutter war bei ihrer Geburt erst fünfzehn gewesen und ihre Großmutter sogar noch jünger, als sie zum ersten Mal gebar. Ihre Großeltern waren trotz der Tatsache, dass sie ihre Großeltern waren, nicht alt. Nein, es war nicht wahrscheinlich, dass sie vor ihr sterben würden. Und die Erschöpfung und Isoliertheit ihres Daseins zehrten von Tag zu Tag mehr an Cela. Rieten ihr, sich zu unterwerfen und abzuschließen mit einem Leben, das schon längst keines mehr war, und stattdessen das zu beginnen, für das sie eigentlich geboren worden war. Aber immer wieder hielt sie der Gedanke an ihre Großeltern zurück.
Wenn sie starb, würde sie, was ihre Mutter begonnen hatte, an ihnen vollenden. Sie durfte nicht sterben. Sie musste ihre Großeltern überleben, ganz gleich, wie mühevoll es sein würde. Auf dem Spinnrad glitzerten im Mondlicht noch immer die Staubflocken. Sie blickte zum Fenster, durch das es hereinfiel. Im Haus der deutschen Familie nebenan war noch Licht zu sehen. Jemand nähte im Schein einer Kerze. Cela erinnerte sich einmal am Fenster die Näherin eines ihrer schwermütigen deutschen Lieder singen gehört zu haben.
‚Guter Mond, du gehst so stille
durch die Abendwolken hin …
Leuchte freundlich jedem Müden
in das stille Kämmerlein
und dein Schimmer gieße Frieden
ins bedrängte Herz hinein.‘
Celas Augen wanderten wieder zu ihrem Spinnrad. Der Mond warf noch immer sein Licht darauf. Keine dunkle Wolke schob sich vor ihn. Sie seufzte tief.
„Guter Mond“, murmelte Cela.
„Guter Mond, du musst es wissen,
der du so verschwiegen bist,
warum meine Tränen fließen
und mein Herz so traurig ist.“
Aber was, wenn sie sich irrten? Cela rieb über ihre Augen.
Was, wenn die Kinder wirklich an einer Krankheit gestorben und ihre Mutter gar keine Striege gewesen war? Was, wenn sie im Fieber Trugbildern erlegen waren und die Geschichten über Strigoi nur eine Lüge waren? Dann würde sie dieses Leben wegen einer Lüge erleiden und jenseits ihres Grabes kein zweites mehr finden. Aber Cela war sich sicher, ihre Mutter wirklich gesehen zu haben. Aber sie wusste auch, dass sie sich sicher sein wollte. Es war ihre einzige Begegnung mit ihr gewesen und Cela wollte sie nicht als Trugbild abtun. Zu bedeutsam ruhte sie in ihrem Herzen, trotz der Schmerzen, die sie dort dabei gefühlt hatte. Sie betrachtete ihre Hand, deren Nägel immer härter und dicker wurden. Sie wusste, dass es Krankheiten gab, bei denen die Nägel verhornten. Sie wusste, dass eine Krankheit der Grund dafür sein konnte, dass ihre Haare ergrauten und ausfielen. Aber war sie krank? Oder beobachtete sie die Zeichen dafür, dass sie sich langsam in ein Ungeheuer verwandelte? Cela wusste es nicht. Und auch niemand sonst wusste es. Sie alle bannte nur die Furcht vor einem unter ihnen umherschleichenden Unheil. Cela blickte erneut zum Fenster. Sie hätte jetzt, da es Nacht war und das Licht ihr nicht in den Augen brannte, tatsächlich hinausgehen und frische Luft schnappen, den Wind auf ihrem Gesicht fühlen können und das Rauschen zwischen den Zweigen, auch wenn es keine Blätter mehr gab. Denn es war bereits der 30. November. Aber sie wusste, dass jemand sie sehen könnte und es die Menschen noch mehr verunsichern würde, wenn sie nachts draußen im Dorf umherschlich. Sie gehörte nicht mehr in ihre Welt und doch waren es die Überzeugungen ihrer Welt, die Cela zu einer Gefangenen darin gemacht hatten. Sie war eine lebende Tote, der sich die Welt der Lebenden verschloss und die die der Toten nicht bei sich aufnehmen würde. Sie würde auch nach ihrem Tod in der Welt der Lebenden umherschleichen und ihnen nehmen, was sie nicht mehr besaß. Gab es denn keinen Ausweg? Cela strich sich durch die Haare und hielt im selben Moment inne, da sie nicht noch mehr von ihnen verlieren wollte. Gab es keinen Ausweg?
Konnte sie sich nicht einfach weigern, das Blut der Menschen zu trinken, auch wenn der Drang groß sein würde? Auch der Drang jetzt nach der äußeren Welt war groß, aber Cela widerstand ihm. Sie wusste, dass sich der Ausschluss aus der Dorfgemeinschaft auch auf ihre Großeltern ausweiten würde, wenn sie sie nicht daraus fernhielten.
Konnte sie nicht einfach fortgehen? In eine große Stadt, in der sie sich einen Dienst suchen würde und in der es keine Verwandten gab, die sie nach ihrem Tod heimsuchen konnte? Aber irgendwo ahnte Cela, dass sie nach ihrem Tod, dennoch zurückkehren würde, und dass der der Drang so groß sein würde, dass sie dafür selbst über Ozeane gehen würde. Sie ließ die Hände mit einem Seufzen auf die Matratze fallen. Sie würde zu schwach sein, um jetzt von hier fortzugehen und den Tod wahrscheinlich noch auf ihrer Reise finden. Sie würde sieben Jahre lang Kraft sammeln müssen, um ihrem Geist danach wieder eine körperliche Form zu geben und sie würde nicht von diesem Ort fortgehen, bevor sie nicht weitere sieben Jahre lang Kraft dafür gesammelt hatte, indem sie das Blut der Lebenden trank. Das Ganze folgte einer gewissen brutalen Logik. Natürlich könnte sie Vorkehrungen treffen. Cela konnte tatsächlich außerhalb sterben, sie konnte in den Sumpf gehen und ein Grab haben, dass keiner finden könnte. Sie würde in dem Leib zurückkehren, für den sie während ihrer Zeit als Geist sieben Jahre lang Kraft gesammelt hatte. Und sie konnte danach tagsüber in einem Versteck ruhen, das die Leute nicht kannten. Anders als das Grab ihrer Mutter, das sie auch unter den namenlosen Kreuzen auf dem dörflichen Friedhof natürlich irgendwann gefunden hatten. Aber aus dem Kreis der Familie würde sie nicht entkommen. Selbst wenn ihre Großeltern bereits verstorben sein würden, so wollte sie doch auch nicht ihre Cousins und Cousinen und deren Kinder töten. Sie wollte niemanden im Dorf töten!
Aber die Dörfler wollten sie tot sehen – oder besser gesagt, sie danach nicht mehr sehen müssen. Und wäre sie nicht lebend aus dem toten Leib ihrer Mutter gekrochen, sondern mit ihr begraben worden und mit ihr zurückgekehrt – sie hätten sie genauso wie sie getötet und sie taten es jetzt nur deshalb nicht, weil sie selbst weiterleben wollten. Cela konnte es ihnen nicht verdenken. Auch sie wollte leben, bevor sie sterben musste, auch wenn sie nicht wusste, wie.
Doch einige Ahnungen hatte sie. Einmal hatte ihre Großmutter sie während der Arbeiten nach dem Schlachten allein in der Küche gelassen, damit sie den Topf im Auge behielt, während sie selbst Mehl und Gewürze holte. Cela betrachtete die Masse aus Schweineblut und Speck, die vor sich hingarte. Der eisenhaltige Geruch stieg ihr zu Kopf und verwirrte ihre Sinne. Sie wog zögernd den Holzlöffel in ihrer Hand, zog ihn schließlich aus der dicken dunklen Flüssigkeit und führte ihn, ohne zu wissen, warum, an die Lippen. Das warme Blut traf auf ihre Zunge. Ein Schauer durchfuhr sie, doch anstatt auszuspucken, schluckte sie es hastig hinunter, auch wenn ihr Magen rebellierte. Angespannt lauschte sie auf die Schritte ihrer Großmutter. Als sie nichts hörte, tauchte sie den Löffel erneut in die Flüssigkeit. Sie wusste nicht, warum sie es tat. Der salzige eisenhaltige Geschmack stieß sie ab, aber es schien ihr, als würde sich der Nebel vor ihren Augen ein wenig lichten und ihr Geist klarer werden. Sogar die Erschöpfung war plötzlich nicht mehr so unerträglich. Lag es an dem Blut? Sie wusste nicht, ob ihr bei dem Gedanken an die Konsequenzen schlecht wurde, oder weil sie fortfuhr, rohes Schweineblut zu trinken. Sie führte den Löffel wieder und wieder zum Mund, schluckte schnell, ohne sich um den Geschmack zu kümmern, und tunkte noch währenddessen den Löffel erneut in die Flüssigkeit. Es musste an dem Blut liegen. Sie spürte, wie ihr Geist immer klarer wurde und sie den Kopf, den sie vor Erschöpfung bisher immer hängen lassen hatte, plötzlich wieder heben konnte. Sie öffnete die Augen und starrte auf das Schneidebrett vor ihr an der Wand. Ihre Sicht war gestochen scharf, ihr Kopf ein wenig schwindlig. Doch sie tauchte den Löffel erneut in das Blut …
‚Cela?‘ Ihre Großmutter war mit den Gewürzen hereingekommen. ‚Was machst du da?‘
‚Nun, ich – ‘ Sie begann hastig wieder zu rühren. ‚Ich wollte nur sehen, ob es schon gut ist.‘ Ihre Großmutter trat neben sie und stellte die Zutaten ab.
‚Wohl kaum‘, erwiderte sie. ‚Es fehlen doch noch alle Gewürze.‘ Cela wischte sich das Blut vom Mund ab, doch ihre Großmutter sagte nichts dazu.
Am Abend, als ihr Großvater in der Dämmerung Holz hackte, trat Cela vorsichtig hinaus und stellte sich zu ihm. Er warf ihr einen Blick zu und betrachtete sie im Lichtschein der Laterne, die unter dem Vordach des Hauses hing.
‚Du siehst ein wenig frischer aus‘, stellte er fest. ‚Geht es dir besser?‘ Sie nickte stumm.
‚Großvater‘, setzte sie schließlich an.
‚Ja?‘
‚Dein Großvater war doch Heiler, oder?‘
‚Ja.‘
‚Und erwähnte er jemals etwas über Krankheiten, gegen die das Trinken von Tierblut hilfreich ist?‘ Er ließ das Beil sinken und legte die Stirn in Falten.
‚Tatsächlich, ja‘, erwiderte er schließlich. ‚Es gab einmal eine Alte im Dorf, die unter einer seltsamen Form von Porphyría zu leiden schien, wie er es nannte. Ihre Zähne waren rötlich verfärbt, sie hatte harte krallenartige Fingernägel und war enorm empfindlich gegen Licht. Die Leute redeten natürlich deswegen, aber es kam trotz allem während ihrer Anwesenheit im Dorf nicht zu Todesfällen. Ihre Symptome konnten tatsächlich dadurch gelindert werden, dass sie regelmäßig Tierblut trank, wenn auch heimlich. Wieso fragst du? Planst du etwa auch, das zu tun?‘ Cela öffnete verblüfft den Mund.
‚Deine Großmutter hat es mir erzählt‘, sagte er und musterte sie mit gerunzelten Brauen. Er bückte sich nach den verstreuten Holzstücken und legte einige Scheite in Celas Arme, während er den Rest nahm. Er dirigierte sie mit ausgestrecktem Zeigefinger zur Tür.
‚Hör zu‘, fuhr er fort, nachdem er diese hinter sich ins Schloss gezogen hatte. ‚Wenn es dir hilft, dann tu es. Aber lass dich um Himmelswillen niemals dabei erwischen. Wenn die Leute erfahren, dass es bereits so weit gekommen ist, dass du Blut trinkst, dann werden sie durchdrehen vor lauter Angst.‘
‚Glaubst du denn …‘ Cela umklammerte die Holzstücke. ‚..., dass es deshalb ist?‘
Ihr Großvater senkte den Blick.
‚Ich weiß es nicht‘, gestand er schließlich. ‚Aber es ist mir lieber, du trinkst das Blut von Schweinen, als unseres.‘ Er wandte sich ab und trug die Holzscheite in die Küche. Celas Herz wurde schwer. Auch ihre Großeltern waren offenbar der Ansicht, dass sie sich langsam in eine Striege verwandelte. Und dennoch hielten sie zu ihr und versuchten, ihr zu helfen. Wenn sie schlachteten, winkten sie sie heimlich in die Küche und ließen sie von dem Blut trinken. Aber ihre Großeltern schlachteten nicht so häufig, dass es für Cela ausreichend gewesen wäre, um sich dauerhaft besser zu fühlen, und das letzte Mal lag Monate zurück. Die fertige und länger haltbare Blutwurst war nur ein schwacher Ersatz für das frische Blut. Ihre Großeltern wagten jedoch nicht, bei anderen Bauern im Dorf um Blut zu bitten, wenn diese schlachteten, da sie keinen Verdacht erregen wollten. Natürlich hatten die Dorfbewohner bereits seit sieben Jahren einen Verdacht, aber solange Cela lebendig und weggesperrt blieb, verhielten sie sich ruhig.
Sie treckte die Arme aus und vergrub ihre Finger in den lockigen Strähnen, die sich auch jetzt noch nicht aus dem Haarknoten in ihrem Nacken gelöst hatten. Ihr Fenster war am Tag verhangen und auch in der Nacht hatten die Dorfbewohner darauf beharrt, dass es immer mit einem Keil verschlossen blieb. Sie sehnte sich nach frischer Luft. Doch sie wusste, was die Lebenden zu den Verstorbenen bei ihrer Beerdigung zu sagen pflegten.
‚Wir werden von dir keine Erinnerung mehr haben. Du wirst an jenem dunklen Ort wohnen, an dem es für dich weder Fenster noch Licht gibt. Du wirst nicht zurückkehren zu uns oder von dort fortgehen und du wirst nicht an Rückkehr denken. Du wirst abwesend bleiben aus unserer Mitte für immer.‘ Cela hatte diese Worte zum letzten Mal auf der Beerdigung ihres Onkels gehört, aber obwohl sie auf ihn bezogen gewesen waren, hatten sie sich für sie erfüllt. In seinen eigenen letzten Worten hatte er sie beschimpft und vor allen als Striege bezeichnet und damit in Gang gesetzt, was unter den Dorfbewohnern vielleicht sonst nur eine schwache Vermutung geblieben wäre. Cela legte stöhnend die Hände über die Augen.
Hatte er sie so sehr dafür gehasst, dass sie am Leben geblieben war, während sein eigener Sohn starb, dass er ihr für ihr Überleben gewünscht hatte, was die Toten ereilte? Denn genau das war eingetreten. Cela war an einen dunklen Ort verwiesen, dessen Fenster sie nicht öffnen konnte und vom Licht des Tages verbannt. Sie war abwesend aus der Mitte der Dorfbewohner und durfte niemals hoffen, dorthin zurückkehren zu dürfen. Sie würde abwesend aus ihrer Mitte bleiben für immer, solange ihr Leben dauerte. Und es war im Interesse aller, dass sich nach ihrem Tod daran nichts änderte. Hatte ihr Onkel sie mit seinen Worten erst zu dem Unheil verflucht, das sie ereilt hatte? Oder waren seine Worte wahr gewesen und Cela war schon zum Unheil geboren? Sie wünschte, sie könnte es wissen, doch das würde sie nur, wenn das Unheil nach ihrem Tod tatsächlich eintrat und ihr weiterhin ein Bewusstsein gewährte. Aber es musste zugleich Celas Wunsch bleiben, dass dies nie geschah. Denn sie dachte an ihre Großeltern.
Erschöpft richtete sie sich auf. Ihre Gedanken drehten im Kreis und überschlugen sich in den immer gleichen Bahnen jeder Nacht. Sie musste sich ablenken. Sie musste etwas tun. Mühevoll ging sie zu ihrem Spinnrad. Ihr Großvater hatte erst heute tagsüber mit dem Melițoi Flachs gebrochen und um ihren Spinnrocken waren noch eine Menge unversponnene Langfasern gewickelt. Sie ließ sich auf dem Hocker am Fußende ihres Bettes nieder und setzte ihren rechten Fuß auf das Trittbrett, befeuchtete ihre Finger und zog einen Strang vom Rocken auf ihre Knie. Sie begann zu treten und die Fasern zwischen ihren Fingern zu einem Faden zu verdrehen. Das Schwungrad surrte in der Dunkelheit ihres stillen Zimmers und sein Geräusch begann ihren aufgewühlten Geist abzulenken. Das hier war das Vertraute. Das hier war gut und nützlich. Sie spann im Mondlicht weiter, nur umgeben von dem Glitzern der schwebenden Staubpartikel und dem Geräusch des Spinnrades. Die Partikel bewegten sich noch im Nachhall des verstummten Atems ihrer Mutter, doch das Summen des Schwungrades atmete Ruhe aus. Fast konnte sie ihre Ängste vergessen. Nur dies hier war wichtig. Nur dies musste sie jetzt beschäftigen. Es gab keine bange Zukunft, an die sie Gedanken quälen mussten, und die Vergangenheit musste sie nicht berühren, während sie sich um das Verdrehen des Fadens kümmerte. Es befriedigte Cela, zu sehen, wie der Umfang der Spule zunahm. Sie würden bald wieder viel Garn zur Verfügung haben. Die Langfasern wickelten sich langsam ab. Das Einzige, was sie in ihrer Versunkenheit störte, war das gelegentliche Klappern des Trittbretts. Sie hoffte, dass es ihre Großeltern nicht aufwecken würde. Bei jedem Knarzen hielt sie kurzzeitig inne und lauschte, ob im Zimmer nebenan Bewegungen zu hören waren. Dann fuhr sie fort und der leere Raum der Nacht fuhr fort, Cela von den Ängsten des Dorfes zu sich selbst zurückzubringen. Sogar die Erschöpfung spürte sie kurzzeitig nicht mehr, auch wenn ihre Sicht manchmal verschwamm. Doch Celas Hände hätten den Faden auch in völliger Finsternis weiterspinnen können. Hin und wieder ließ sie die Augen zufallen und lauschte nur auf das Geräusch des Spinnrades, während sie den Faden weiter zwischen den Fingern verdrehte. Das Trittbrett knackte. Sie war so versunken, dass sie das Schwungrad weiterdrehte, ohne diesmal zu unterbrechen. Sie befeuchtete ihre Finger noch einmal und drehte weiter. Das Trittbrett knackte erneut. Cela hielt plötzlich inne. Es war nicht das Trittbrett. Das Trittbrett machte nicht dieses knarrende Geräusch. Das waren die Dielen. Sie hatte ein Geräusch im Haus gehört. Argwöhnisch lauschte sie in die Dunkelheit, während sie den Faden weiterhin in der Hand hielt. Das Knarren ertönte erneut, diesmal näher und lauter. Cela wurde unruhig. Sie stand von ihrem Hocker auf und machte ein paar zögernde Schritte. Schließlich blieb sie neben der Tür stehen. Das Geräusch kam näher. Kein Zweifel. Es waren schlurfende Schritte. Sie wurden langsamer, als sie ihre Tür erreichten, hielten kurz inne und gingen dann vorüber, weiter auf das Ende des kleinen Gangs zu. Cela sträubten sich die roten Haare. Dort war das Zimmer ihrer Großeltern! Sie musste nachsehen, verharrte jedoch im selben Moment. Sie hatte keine Waffe. Nichts, um sich zu verteidigen. Ihre Augen wandten sich zurück zum Spinnrad. Unschuldig schimmerte nach wie vor der Staub darüber im Mondlicht. Ihr Blick blieb am Spinnrocken hängen. Auf seiner Spitze hingen die letzten Reste von Langfasern. Cela zögerte noch einen Moment, bevor sie zu ihrem Spinnrad ging und die Rockenstange herauslöste. Sie wickelte den übrigen Flachs ab und legte ihn beiseite. Dann öffnete sie vorsichtig die Tür. Auf dem Gang empfing sie pechschwarze Finsternis, doch Cela kannte den Weg zum kleinen Schlafzimmer ihrer Großeltern in- und auswendig. Die Tür war angelehnt. Sie stieß sie vorsichtig auf und blickte ins Zimmer. Mit dem Rücken zu ihr stand eine dunkle Gestalt, die sich über das Bett ihrer Großeltern beugte. Panik erfasste Cela. Ohne zu überlegen, machte sie einen Satz nach vorne, hob die Rockenstange und drosch sie mit aller Kraft über den Kopf der Gestalt. Sie brach eine Handbreit unter der Spitze ab.
„Großer Gott! Was ist das für ein Krach mitten in der Andreasnacht?! Kommt etwa der Herr der Wölfe vorbei?“ Ihre Großmutter war hochgefahren und suchte hastig nach einer Kerze. Ihr Großvater, dem es normalerweise oblag, darauf etwas zu erwidern, blieb stumm. Im hereinfallenden Mondlicht starrte er auf die Züge der über ihnen aufragenden Gestalt.
„Toma!“, stieß er schließlich krächzend hervor. Cela umrundete den hinteren Bettpfosten und stellte sich neben ihn. Ihr gefror das verbliebene Blut in den Adern. Es war ihr Onkel! Ihr Onkel – der sie vor sieben Jahren zu dem Gedanken verflucht hatte, sie würde, was ihre Mutter begonnen hatte, dereinst an ihrer Familie vollenden – war nun zurückgekehrt, um es selbst zu tun. Schaudern fragte sie sich, ob er bereits seine eigene Frau aufgesucht und getötet hatte. Doch ihr blieb keine Zeit, diesen Gedanken weiterzuspinnen. Sie trat vor und richtete das abgebrochene Ende des Spinnrockens auf ihren Onkel. In ihrem Inneren schwelte eine seit sieben Jahren in der Einsamkeit ihres dunklen Zimmers genährte Glut.
„Geh zurück!“, zischte sie schließlich. „Du gehörst nicht mehr in diese Welt. Ertrage es, tot zu sein bei den Toten.“ Ihre Großmutter zuckte beim Klang ihrer Stimme zusammen. Cela verstand es, denn der Klang ihrer selten benutzen Stimme hatte sich verändert. Sie wusste vom Priester, dass der lateinische Name der Strigae sich vom griechischen Ruf der Nachtvögel ableitete. Schon Homer verwendete dieses Wort für das Geräusch der flatternden Seelen, die Odysseus in der Unterwelt hörte. Vom Lateinischen hatten die Strigae auf das rumänische Wort Strigoi abgefärbt, denn es bedeutete ‚Der Schrei‘. Cela erinnerte sich an das offene Grab ihrer Mutter, dann wandte sich ihr Blick zu ihren Großeltern. Sie trat noch einen Schritt vor. Ihr Onkel wich weder zurück, noch erwiderte er etwas. Cela setzte ihm das abgebrochene Ende ihrer Rockenstange auf die Brust. Ihre Hand festigte sich um das Holz. Sie verdankte ihm sieben Jahre im Leid, als er sie zu etwas verfluchte, dass er nun selbst geworden war. Sie verspürte keinerlei Furcht. In ihr gärte nun ein seit Jahren unterdrückter Zorn.
„Du bist tot“, fuhr sie mit dunkler Stimme fort. „Ich lebe noch, obwohl du mir vor sieben Jahren mein Leben genommen hast. Ich gehöre seit vierzehn Jahren zu den Strigoi nach deinen eigenen Worten. Willst du es wirklich mit einem vierzehn Jahre stärkeren Strigoi aufnehmen? Ich würde dich töten, als ob du ein Mensch wärst. Endgültig.“
„Cela.“ Die leise Stimme ihrer Großmutter drang in den Raum. Vielleicht fragten auch sie sich, was in den letzten sieben Jahren aus ihr geworden war. Cela wusste es nicht und es kümmerte sie auch nicht mehr
Ihr Onkel schien unschlüssig. Er blickte von ihr zu seinen Eltern hinter ihr, dann wieder zu ihr. Er machte einen Schritt von Celas Rockenstange zurück. Ein tiefes Grollen stieg aus seiner Kehle. In seinen Augen glühte ein Funke. Dann stürzte er auf Cela zu. Ein Schrei ertönte hinter ihr, doch Cela wusste nicht, zu wem er gehörte. Sie hielt die Rockenstange vor sich, stieß ihn zurück und trieb dann das abgebrochene Ende mitten durch die Brust ihres Onkels. Ein markerschütternder Schrei ertönte und endlich glaubte Cela, dass die Person, die am offenen Grab geschrien hatte, nicht ihre Mutter gewesen war. Denn der Schrei ihres Onkels war so unmenschlich, so durchdringend schrill, dass sich ihre Großeltern die Ohren bedeckten. Mit einem lauten Aufprall schlug sein Körper auf den Dielen auf wie ein gefällter Baum. Aus der Wunde in seiner Brust rann das frische Blut des Menschen, den er kurz zuvor getötet haben musste. Cela wandte sich zu ihren Großeltern um.
„Ihr habt mir niemals gesagt, dass mein Spinnrad auch aus Weißdorn gefertigt ist“, stellte sie fest.
„War nicht leicht, einen Baum zu finden, der genug dafür abgeworfen hat“, erwiderte ihr Großvater fahrig. Ihm stand Schweiß auf der Stirn. „Und dann noch die lange Arbeit. Weißdorn ist sehr hartes Holz.“
„Nun, es hat mir gute Dienste erwiesen“, sagte Cela. „Ich hoffe, wir finden noch einmal genug für eine neue Stange.“
„Aber Cela“, ließ sich nun auch ihre Großmutter vernehmen. „Einem Menschen einen Stab durch die Rippen treiben. Wie kannst du so viel Kraft besitzen, das zu schaffen?“ Aber Cela wusste, dass sie die Antwort auf diese Frage im Grunde längst kannte. Auf der Straße war plötzlich Getrappel zu vernehmen. Kurz darauf stürzten die Ersten herein. Kein Wunder, der Schrei ihres Onkels hatte wahrscheinlich das halbe Dorf aus dem Schlaf gerissen. Der Priester drängte sich zwischen den erstarrten Dörflern hindurch, die sprachlos auf die Leiche auf den Dielen starrten. Er schlug ein Kreuzzeichen. Keiner sprach ein Wort.
„Wisst ihr“, durchbrach ihr Großvater, der es nicht für nötig hielt, im Nachtgewand aus dem Bett aufzustehen, schließlich die Stille. „Wenn einen mitten in der Andreasnacht ein Strigoi überfällt, dann ist es wirklich gut, einen zweiten im Haus zu haben, der einem zu Hilfe kommt.“ Blicke wandten sich zu Cela, und als sie zurückstarrte, wandten sie die Gesichter nicht ab. Schließlich riss sich der Priester zusammen.
„Schafft den Körper hinaus und reinigt den Boden mit Sand und Asche.“ Der letzte Teil galt ihren Großeltern. „Und kommt morgen zum Gottesdienst.“ Er warf einen letzten Blick auf Cela, bevor er die Menge zerstreute.
Am nächsten Morgen liefen die Gläubigen noch im Dunkeln zur Kirche, um den Apostel Andreas zu ehren. Als Cela ihren Großeltern ins Innere folgte, sah sie, dass der übliche Stuhl neben der Tür fortgeräumt worden war. Stattdessen ließ der Priester es zu, dass sie sich neben ihre Großmutter stellte. Die Leute machten ihr ängstlich Platz, verließen jedoch nicht die Reihe. Cela blickte über ihre gefalteten Hände hinweg zu den Ikonen. Über den Kerzen sammelte sich der Weihrauch. Der Priester stimmte das Gebet an.
„Andreas, heiliger Apostel der Rumänen, wir gedenken heute der Tage deines langen Sterbens und erinnern uns, dass wenn das Leben einen Sinn hat, auch das Leiden einen haben muss.“ Er hob die Hände. „So beten wir: Heiliger Vater im Himmel, beschenke uns mit deinem Geist, auf dass wir deine Wege erkennen und am Ende unserer Tage zu den Deinen gerechnet werden.“
Cela, hinter ihren gefalteten Händen, lächelte.
Nachwort
Die Striegen der römischen Mythologie bezeichneten ursprünglich Nachtvögel bzw. Hexenvögel, die sich vom Blut und den Eingeweiden kleiner Kinder ernährten. Einer Deutung zufolge handelte es sich bei ihnen tatsächlich um die Seelen von Frauen, die im Kindbett gestorben waren und nun aus Rache dafür die Kinder anderer töteten. Dieses Motiv ist jedoch sehr alt und wird schon mit der Gestalt der Lilith in der sumerischen und jüdischen Mythologie in Verbindung gebracht, ebenso mit der Lamia in der griechischen Mythologie. Da die Hauptfigur der Geschichte selbst noch ein Kind ist, war es sehr verlockend für mich, dieses Motiv in meine Handlung einzubinden, auch wenn die rumänischen Strigoi selbst nicht für derartige Handlungen bekannt sind.
Bei der Krankheit, die Celas Großvater erwähnt, handelt es sich um Morbus Günther, wobei eine Störung der Biosynthese des eisenhaltigen Häms – dem Farbstoff der roten Blutkörperchen – vorliegt. Häm bildet zusammen mit Globin, das Hämoglobin, welches für den Sauerstofftransport im Blut verantwortlich ist. Menschen mit dieser Erkrankung leiden an Blutarmut und sind dauerhaft erschöpft. Besondere Schwierigkeiten bereitet ihnen aber das Tageslicht. Kontakt mit diesem hat eine starke Schädigung der Haut zu Folge, Spaziergänge tagsüber im Freien sind für sie unmöglich. Früher glaubte man tatsächlich diese Symptome durch das Trinken von Tierblut lindern zu können, diese Annahme gilt inzwischen aber als wirkungslos widerlegt. Dass die alte Frau, die Celas Großvater erwähnt, sich dadurch besser fühlte, ist ein Hinweis darauf, dass sie wohl selbst nicht an dieser Krankheit litt, sondern von dem gleichen Problem wie Cela befallen war. Von Medizinern ist Morbus Günther immer wieder als Erklärung für den Vampirglauben in Südosteuropa herangezogen worden. Der Historiker Peter Mario Kreuter hält diese Theorie jedoch für viel zu kurzgreifend, da es sich bei Morbus Günther um eine Erbkrankheit handelt und die Balkanvölker nicht dafür bekannt waren, Inzest zu praktizieren. Auch ist die Krankheit viel zu selten, um als Ursache für den flächendeckend verbreiteten Vampirglauben dienen zu können, der überdies auch das Agieren der Vampire am Tag kennt.
Bei dem ‚Melițoi‘ handelt es sich, entgegen der Aussagen des deutschen Wikipedia-Artikels zu den Strigoi, nicht um ein Haushaltsgerät, sondern um einen Flachsbrecher. Angeblich benutzen die Strigoi diese bei ihren Kämpfen gegeneinander in der Andreasnacht. Nachdem ich mir einige Bilder von diesem Gerät angesehen hatte, musste ich zugeben, dass es mir äußerst schwerfiel, mir vorzustellen, damit jemanden zu verprügeln. So erhielt die prominente Rolle in der Schlusssequenz stattdessen Celas Spinnrocken.
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