Es gibt viele Serien, die sich dem Thema Autismus angenommen und einen ihrer Charaktere damit ausgestattet haben, manchmal gelungen und realistisch, oft aber mit Stereotypen beladen und wenig Tiefgang[1]. Bei der Figur des Vampirs Armand aus der bekannten Buchreihe von Anne Rice handelt es sich jedoch nicht um eine Figur, die als Autist konzipiert wurde und die auch weder in den Büchern noch in der Verfilmung des Erstlingsteils, „Interview mit einem Vampir“ (1994) in einer solchen Weise auftritt. Im Jahr 2022 erhielt die Verfilmung jedoch ein „queeres Remake“[2] in Form einer Serie, die noch nicht abgeschlossen ist. Von vielen Fans dieser Serie wird die Figur des Armand als Autist gesehen und entsprechend interpretiert, wie ich in verschiedenen Foren und Blogs in englischer Sprache erstaunt festgestellt habe. Eine solches Phänomen bezeichnet man als „Headcanon“: eine persönliche Interpretation oder Vorstellung der Fans von Aspekten oder Charakteren einer Geschichte, die nicht Teil von deren offiziellem Kanon ist. Also eine vertraute Beschäftigung für jeden, der sich Gedanken zu den Charakteren eines liebgewonnenen Buches oder Filmes macht. Oft handelt es sich bei diesen sogenannten „Headcanons“ um Ergänzungen, Ausfüllungen oder Erklärungen zu Dingen, die im ursprünglichen Werk eher vage umschrieben sind und weder explizit bestätigt noch widerlegt werden. Die Interpretation der Figur des Armand als autistischer Charakter wird von Fans der Serie jedoch rückwirkend auch auf die ihr zugrundeliegenden Romane übertragen und anhand bestimmter Textstellen entsprechend ausgelegt. Ich habe die Vampirromane von Anne Rice als Jugendliche gelesen - zumindest die, die zu diesem Zeitpunkt erschienen waren - und weiß deshalb, um was für eine Figur es sich bei Armand handelt. Meiner Ansicht nach vermitteln diese Textstellen keinen Beweis für Autismus, aber eine sehr gute Darstellung davon, welches Bild von Autismus die Fans besitzen, die aus bestimmten Verhaltensweisen dieser Figur diese Schlussfolgerung ableiten.
Um dies vorwegzunehmen: Ich möchte diese Beschäftigung mit einem Buch- oder Seriencharakter keineswegs negativ bewerten. Es geht mir in diesem Text explizit um das Autismus-Bild dahinter. Bezüglich Armand handelt es sich zwar um ein mit Autisten sympathisierendes Bild - es ist jedoch ein sehr reduziertes und romantisiertes Bild, das weder den Kernkomplex von Autismus noch die realen Probleme von Autisten erfasst und eher Teil eines bestimmten „Lifestyles“ als einer reflektierten Beschäftigung mit Autismus ist. Warum diese Positv-Stereotype für Autisten genauso zu einem Problem werden können wie Negativ-Stereotype, ist das Thema dieses Artikels. Dafür müssen wir uns zunächst die Figur des Armand ein wenig näher ansehen, bevor wir uns der Interpretation dieser durch die Fans zuwenden
Interview mit einem … Autisten?
Bei der Figur des Armand handelt es sich, wie bei nahezu allen Vampiren aus Anne Rice‘ Buchreihe, um einen Charakter mit einer leidvollen und schwierigen Vorgeschichte. Er wurde bereits als Jugendlicher zum Vampir und scheint danach auch auf der mentalen Stufe eines Teenagers verblieben zu sein. Denn er reagiert meist sehr emotional und sprunghaft, wirkt trotz seines Alters von fast 500 Jahren oft verloren und hilflos gegenüber Dingen, die er nicht kontrollieren kann und neigt zu extremen und gewalttätigen Handlungen. Er tritt anderen gegenüber nur dann ruhig auf, wenn er sich ihnen überlegen fühlt. Oft verspottet er sie dann auch und versucht, sie für seine Ziele zu manipulieren. Seine Weltsicht schwankt meist zwischen zwei Extremen: religiösen Fanatismus und Weltabgewandtheit einerseits und ausschweifendem Materialismus und der Leugnung höherer Mächte andererseits.
Seine Lebensgeschichte spiegelt diese sprunghaften Wechsel in drei sehr genau beschriebenen Phasen wider. Bedeutsam ist zudem, dass er in jeder von ihnen einen anderen Namen trug.
Armands eigentlicher Name ist Andrei. Er wurde im 15. Jahrhundert in der Ukraine geboren und besaß ein außergewöhnliches Talent für die Ikonenmalerei, weshalb er bereits als Junge im Höhlenkloster von Kiew lebte, um sein Talent Gott allein zu widmen. Als sein Vater ihn jedoch gegen seinen Willen von dort wegholte, wurde beide auf der Rückreise von Krimtartaren überfallen, die den Jungen mitnahmen, wodurch er über den Schwarzmeer-Sklavenhandel nach Italien gelangte. In Florenz wurde er von einem angesehenen Patrizier freigekauft, der selbst Maler war und ihn unterrichtete. Von ihm erhielt er den Namen Amadeo. Er wurde bald zu seinem besten Schüler. Zwischen ihm und seinem Meister entwickelte sich eine Liebesbeziehung, die aufgrund von Amadeos Status jedoch nie gleichberechtigt war. Als Amadeo entdeckte, dass es sich bei seinem Meister um einen Vampir handelt, bat er ihn um die „dunkle Gabe“. Sein Meister gewährt sie ihm jedoch erst, als Amadeo nach einem Duell mit einem vergifteten Dolch in Todesgefahr schwebte.
Ihre gemeinsame Zeit währte jedoch nicht lange, da der Palazzo seines Meisters von einem Zirkel anderer Vampire, die dessen Lebensweise unter Menschen missbilligten, niedergebrannt wurde. Amadeo wurde von ihnen mitgenommen und in die Katakomben von Rom gebracht - zurück in die dunklen Tiefen, der er schon vormals im Höhlenkloster von Kiew kennengelernt hatte. Schwer traumatisiert und in dem Glauben, dass sein Meister tot sei, unterwarf er sich schließlich den strengen Regeln des Vampirordens, um zu überleben. Gleich einer grausigen Umkehr der Erfahrungen in seiner ursprünglichen Heimat, handelte es sich bei diesem jedoch um einen satanischen Orden, der alles Schöne, wie es Amadeo im Kloster und bei seinem Meister durch seine Malerei hervorgebracht hatte, missbilligte. Hier erhielt er den Namen Armand und wurde schließlich zum Anführer des Pariser Zirkels auf dem Cimetière des Innocents, den er dreihundert Jahre lang führte. Durch das Aufeinandertreffen mit dem eigentlichen Hauptcharakter von Anne Rice‘ Buchreihe, ändert sich Armands Leben jedoch erneut.
Wenn man Anne Rice‘ Romane kennt, weiß man, dass ihre Vampire alle kein leichtes Leben vor dem Tod hatten - bei Armand scheint sich die Autorin diesbezüglich jedoch besonders ausgetobt zu haben. Dennoch ist diese Figur in sich sehr stimmig komponiert und ihr Verhalten lässt sich vor dem Hintergrund ihrer Vergangenheit gut nachvollziehen. Einen Autisten kann ich in ihm jedoch nicht erkennen. Sehen wir uns deshalb nun an, aufgrund welcher Kriterien manche Fans diesen Eindruck gewonnen haben:
1) Das erste Argument nennt Armands häufige Verwendung der Geistesgabe, durch die er mit anderen nicht durch Worte, sondern durch Gedanken spricht. Es rekurriert auf die Sprachbehinderungen vieler Autisten, die bei manchen neurologisch, bei anderen hingegen psychisch bedingt sind und eine Form von selektivem Mutismus in besonders belastenden Situationen darstellen. Viele Autisten mit einer schweren Sprachbehinderung, verwenden Gebärdensprache oder einen Sprachcomputer.
ð Bei Anne Rice‘ Vampiren hingegen steht das Gedankensprechen nicht für eine Einschränkung, sondern für eine Machtdemonstration, denn nur sehr mächtige und alte Vampire verfügen über diese Fähigkeit. Für Armand ist es ein Weg, sein Gegenüber einzuschüchtern und zu verunsichern, zumal er so für seine Gegner unsichtbar bleibt und diese nur anhand der Stimme vermuten können, mit wem sie es eigentlich zu tun haben.
2) Als zweiter Punkt wird auf einer Textstelle verwiesen, in der Armand sich mit einer jungen Frau, Sibylle, vergleicht. Diese junge Frau ist eine begabte Pianistin und scheint als einziges Interesse die klassische Musik zu besitzen und außerdem eine ausgeprägte Zwangsstörung aufzuweisen, da sie nichts anderes tun kann, als immer wieder das Stück zu spielen, das sie für den Auftritt vorbereitet hatte, vor dem ihre Eltern verunglückten.
ð Diese Annahme verweist auf ein Autismus-Stereotyp, das zwar positiv besetzt, dennoch aber ein Stereotyp ist: Die Sonderbegabung - für Sibylle, durch die Musik, für Armand durch sein Maltalent. Diese Sonderbegabungen sind ein medial besonders präsentes Thema, wenn es um Autismus geht. Hier ist, auch wenn es schon oft gesagt wurde, zu betonen, dass nur ca. 1% aller Autisten eine Sonderbegabung besitzt. Die absolute Mehrheit der Autisten besitzt keine. Etwas, was diesem Thema aber häufig zur Seite gestellt wird, ist das Spezialinteresse. Auch dieses ist jedoch kein hinreichendes Anzeichen für Autismus. Auch viele Menschen ohne Autismus haben besondere Interessen, denen sie intensiv nachgehen. Es handelt sich bei ihnen keinesfalls um ein ausschließlich autistisches Phänomen. Auch besitzen alle Autisten, die ich kennengelernt habe, nicht nur ein, sondern mehrere Interessen, die zwar oft thematisch verwandt sind, jedoch deutlich sichtbar unterschiedliche Gegenstände bedienen.
3) Eine weitere Auffälligkeit, die Armands Vergleich mit Sibylle beinhaltet, ist ihre Angewohnheit, scheinbar plötzlich weggetreten zu sein und nicht mehr auf ihr Umfeld zu reagieren. Verschiedene Fans sehen darin die Auswirkung einer Reizüberflutung.
ð Es ist voranzustellen, dass Anne Rice‘ Vampire als übernatürliche Wesen alle auch eine übernatürlich feine Sinneswahrnehmung besitzen. Gemäß dieser Logik müssten sie permanent alle unter Reizüberflutung leiden. Da es sich bei ihnen aber nicht um Menschen handelt, sondern um übernatürliche Wesen, tritt es entsprechend nicht ein. An dieser Stelle muss dennoch ein wenig genauer darauf eingegangen werden, da es sich bei der Reizüberflutung mittlerweile ebenfalls um ein modernes romantisches Klischee über Autisten handelt. In diesem Zusammenhang wird manchmal auch das Phänomen der Hochsensibilität genannt. Hochsensible sind aber keine Autisten, obgleich auch sie sehr intensiv auf Reize reagieren. Aber sie haben nicht die veränderte Informationsverarbeitung und Herangehensweise eines Autisten, welche in der Diagnostik auch anhand bestimmter Testverfahren geprüft wird. Besondere Sensibilität gegenüber Reizen definiert demnach die veränderte Informationsverarbeitung eines Autisten nicht wirklich. Eine ihrer Auswirkungen zeigt sich auch der starken Ritualisierung des Alltags vieler Autisten. In meinem letzten Artikel[3] habe ich erklärt, dass die autistische Informationsverarbeitung dadurch definiert ist, ungleich weniger mit Annahmen und vorwegnehmenden kognitiven Schemata zu operieren als die die der Nicht-Autisten. Autisten sind deshalb oft langsamer, ihre Informationsverarbeitung entgeht dadurch jedoch größtenteils dem, was die Kehrseite dieser Geschwindigkeit ist: Sie wird durch die Reduzierung komplexer Sachverhalte ermöglicht. Autisten sind deshalb bei der Informationsverarbeitung innerlich beweglicher als Nicht-Autisten. Bei Nicht-Autisten ist wiederum die Informationsverarbeitung stärker ritualisiert und reduziert. Die starke Ritualisierung des autistischen Alltags ist hingegen die äußerliche Nachbildung dessen, was bei einem Nicht-Autisten normalerweise im Inneren geschieht. Denn Ritualisierung und Wiederholung, gleiche Abläufe oder gleiche Schemata vermeiden Stress, sparen Energie und geben vor allem Sicherheit. Durch seine äußeren Alltagsrituale kanalisiert der Autist sein umfangreiches Innenleben, indem er sich dahingehend ritualisiert und reduziert. Ebenso um Stress zu vermeiden, Energie zu sparen und Geborgenheit zu finden. Dieser Vorgang findet bei Nicht-Autisten ebenso statt, auch wenn er nicht äußerlich sichtbar ist. Wiederholungen bei Autisten sind also keine Zwangshandlungen, sondern ein sinnvolles und notwendiges Verhalten - anders als bei Menschen mit einer Zwangsstörung, was uns zurück zu Armands Beobachtung von Sibylle[4] bringt.
4) Als letztes wollen wir uns den Verweis auf Armands auffälliges Verhalten im zwischenmenschlichen bzw. -vampirischen Kontext anschauen. Es ist bereits gesagt wurden, dass er als sprunghaft und emotional äußerst instabil beschrieben wird. Anstatt nun im Einzelnen diese Symptome als Hinweis auf Autismus zu prüfen, wollen wir diesmal den entgegengesetzten Weg gehen und uns den Teil von Armand ansehen, der kategorisch gegen Autismus spricht: sein manipulatives Verhalten.
ð Zunächst sei gesagt, dass Armands manipulatives Verhalten im Kontext seiner persönlichen Geschichte viel Sinn ergibt, denn seine Erfahrungen lesen sich wie eine Abfolge von Episoden des Ausgeliefertseins an andere Personen, auf deren Wohlwollen er angewiesen ist. Dass er Andere manipuliert, um ihr Verhalten und damit auch die Situation selbst kontrollieren zu können, ist vor dem Hintergrund der Erfahrungen dieser Figur nachvollziehbar. Die Voraussetzungen dafür, andere manipulieren zu können sind jedoch nicht nur eine gute intuitive Empathie, sondern auch eine starke Fähigkeit zur Prädikation. Man kann Andere nicht manipulieren, wenn man nicht vorwegnehmen kann, was sie tun werden. Genau diese Fähigkeiten besitzen Autisten aufgrund ihrer veränderten Informationsverarbeitung jedoch nicht.[5] Die autistische Situationshandhabung muss so gut wie ohne Prädikation auskommen. Auch funktioniert die Empathie eines Autisten nicht intuitiv, sondern intellektuell und operiert mit Beobachtung und Analyse der Informationen, die der Autist in der Situation selbst wahrnimmt. Es handelt sich dabei um Denkleistungen, die jedes Detail prüfen, und nicht um Intuition. Wer andere nach seinen Absichten manipulieren will, muss jedoch deren Verhalten schnell und intuitiv erfassen und auch schnell darauf reagieren können. Die intellektuelle Empathie eines Autisten wäre dafür viel zu langsam. Somit würde auch ein Autist, der dieselben Erfahrungen wie Armand gemacht hat, sich nicht wie dieser verhalten - weil er schlicht nicht die Fähigkeiten dazu besitzt. Zudem verträgt sich die Geradlinigkeit der autistischen Kommunikation nicht einmal mit diesem Ansinnen. Da Autisten größere Schwierigkeiten damit haben, das Verhalten ihres Gegenübers einzuordnen, haben sie auch große Schwierigkeiten damit, Manipulation zu erkennen. Autisten gehören zu den häufigsten Opfern von manipulativem und konditionierendem Verhalten. Entsprechend groß ist auch ihre Abneigung dagegen, wenn es ihnen auffällt. Auf der autistischen Form der Empathie liegt jedoch ein Schwerpunkt in der Diagnostik, da sich in ihr die veränderte Informationsverarbeitung der Autisten am sichersten zeigt.
Aber was hat jetzt Armand mit Selbstdiagnosen zu tun?
Der Grund, dass wir uns für dieses Thema die Buchfigur Armand angesehen haben, liegt daran, dass die Ansichten, aus denen die jeweiligen Fans seinen angeblichen Autismus ableiten, uns zwei Phänomene veranschaulichen, die für das Thema der Selbstdiagnose ebenso exemplarisch sind wie die Probleme, die sich daraus für echte Autisten ergeben. Diese Ansichten tauchen nicht nur in Debatten um den Charakter Armand auf, sie verdeutlichen jedoch ein bestimmtes Phänomen. Auch damals als ich als Jugendliche die Bücher las, gab es schon das Internet und schon damals tauschte man sich über die Charaktere in Foren und auf Webseiten aus. Aber nirgends tauchten Themen wie Autismus auf. Mit Autismus beschäftigten sich Menschen, die mit Autisten arbeiteten oder selbst autistische Verwandte hatten. Autismus war ein Randthema. Und zu meiner Zeit an der Uni, als ich meine Diagnose bekam, hatten Autisten gerade erst damit begonnen, sich als solche überhaupt zu erkennen zu geben. Das hatte davor lange jeder mit einer Autismus-Diagnose so sehr vermieden wie Vampire das Sonnenlicht. Da Autismus aber mittlerweile im Mainstream angekommen ist, wird er als Erklärung für Phänomene herangezogen, mit denen er früher nicht in Verbindung gebracht worden wäre - wie wir an Armand gesehen haben. Das scheint zunächst etwas Positives zu sein, legt es doch eine grundlegendere Offenheit gegenüber autistischen Menschen nah. Das Problem ist jedoch, dass sich die Fähigkeit der Menschen, Autismus als Phänomen einzuschätzen, nicht verbessert hat
Die vier Argumente, die wir uns zu der Figur Armand angesehen haben, sind ein gutes Beispiel dafür, denn sie haben alle eine Sache gemeinsam: Nämlich die Vermengung oder gar Gleichsetzung von Diagnosen anhand äußerlich ähnlich anmutender Verhaltensweisen, die jedoch bei den Betreffenden so entweder nicht auftreten oder aber so unterschiedliche Ursachen haben, dass sie einen vollkommen unterschiedlichen Umgang benötigen. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die mittlerweile sehr häufige Gleichsetzung von Autismus und AD(H)S. Beide Gruppen sind dafür bekannt, eine veränderte Art der Reizverarbeitung zu haben und dafür, dass sie sich im zwischenmenschlichen Kontakt „unangemessen“ verhalten. Warum Autisten dies tun, ist Gegenstand dieses Blogs. Bei AD(H)Slern hat man es, im Gegensatz zu Autisten, jedoch mit Menschen zu tun, die einen deutlich höheren Bedarf an Reizen haben, damit ihr Gehirn in einem normalen ausgeglichenen Zustand ist. Bei der Medikation, die AD(H)Sler erhalten, um ruhig und ausgeglichen zu sein, handelt es sich, so paradox es klingt, um Aufputschmittel. Ihr oft unruhiges Verhalten resultiert aus einer Unterversorgung des Gehirns und sie nehmen diese Medikamente teilweise sogar zum Schlafen. Das ist das Gegenteil von dem, was ein Autist braucht, der sich vor zusätzlichen Reizen schützen muss, um ruhig und ausgeglichen zu sein. Ein anderes Beispiel, das die Problematik dieser Praxis meiner Ansicht nach noch deutlicher aufzeigt, ist das Zusammenbringen von Autismus mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung - einem Subtyp der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung. Es handelt sich dabei, anders als bei Autismus und AD(H)S nicht um eine Neurodiversität, sondern - wie bereits der Name enthält - um eine Persönlichkeitsstörung. Aber auch Menschen mit dieser Diagnose sind unter anderem dafür bekannt, sich zurückzuziehen, große Menschengruppen zu meiden und im Kontakt seltsam zu reagieren. Während Autismus und AD(H)S jedoch angeboren sind, ist Borderline eine erworbene Störung, der nicht selten traumatische Erlebnisse, meist in der Kindheit, zugrunde liegen. Borderliner sind jedoch auch für manipulatives Verhalten bekannt - obgleich es nicht bei jedem mit dieser Diagnose auftreten muss.
Dieses Problem tritt jedoch auch verstärkt in der professionellen Diagnostik auf, da vieles durch Erhebung von Fragebögen erfolgt und so Diagnosen kombiniert oder gleichgesetzt werden, ohne zu beachten, dass das Verhalten bei den Klienten völlig unterschiedliche Ursachen hat.
Autismus: Selbst- und Fremddiagnostik
Dadurch, dass Autismus mittlerweile medial ein so präsentes Thema ist, schreiben sich immer mehr Menschen, die Erklärungen für ihre Probleme suchen, selbst zu, Autisten zu sein. Die romantisierte Wahrnehmung des Themas, die wir an der Debatte um Armand gesehen haben, trägt dazu bei, dass die ehemaligen Berührungsängste mit Autismus schwächer geworden sind. Autismus ist für viele Betroffene eine annehmbarere Antwort als eine psychische Störung - wie beispielsweise eine soziale Phobie oder Angststörung. Die scheinbaren Ähnlichkeiten von Autismus mit diesen gehäuft auftretenden Problemen bei vielen Menschen, führen dazu, dass sich viele verstärkt in diese Richtung wenden. Das Problem ist jedoch, dass diese Annahmen auf Falschannahmen über Autismus beruhen. Denn Autisten sind an sich weder ängstlich noch unsicher - sie sind überfordert, und zwar durch ihre veränderte Informationsverarbeitung. Die Analyse von den Argumenten zu Armand hat uns gezeigt, wie schwierig es oft ist, die jeweiligen Diagnosebilder auseinanderzuhalten, selbst für Fachleute kann es zum Problem werden. Viele Menschen, die sich selbst zu Autisten ernennen, suchen aber gar nicht den Weg über die professionelle Diagnostik. „Ein häufiges Argument, wenn diagnostizierte Autisten sie darauf ansprechen, lautet: „Ich brauche deine Erlaubnis nicht.“ Wahrscheinlich schrecken aber einfach die langen Wartezeiten auf Termine viele ab. Gleichzeitig aber müsste in den USA, wo ich die Diskussionen um einen möglicherweise autistischen Armand vornehmlich beobachtet habe, für die Diagnostik von den meisten viel Geld bezahlt werden, während es hierzulande die Krankenversicherung trägt, weshalb dieser Schritt dort wahrscheinlich seltener unternommen wird. Aber auch hier ist mit sehr langen Wartezeichen von mindestens einem Jahr oder länger zu rechnen. Die Wartelisten auf Termine sind sehr voll. Das Problem ist: Die meisten, die auf diesen Wartelisten stehen, sind keine Autisten, sondern Menschen, die sich selbst für Autisten halten, tatsächlich aber keine sind.
„Von 100 Personen, die wir in einem Jahr sehen, sind vielleicht 3 echte Autisten. Der Rest sind Leute, die es gerne wären“, wurde mir einmal in der Diagnostikstelle gesagt, bei der ich damals meine Diagnose erhielt.
Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass diese Menschen wirklich Probleme haben und dafür Hilfe benötigen. Aber sie sollten die Hilfe erhalten, die auch zu ihrem Problem passt. Einer Person mit psychischer Störung bringt eine Autismus-Diagnose nichts, egal wie annehmbar sie für sie klingt. Autisten, die sich selbst gut kennen, werden in der Regel mit ihrem Leben sehr glücklich, was bei jemandem mit einer psychischen Erkrankung oder Störung, jedoch niemals eintreten wird, selbst wenn sie zunächst ein scheinbares Hoch dadurch erleben, eine vermeintliche Antwort auf ihre Schwierigkeiten gefunden zu haben.
Besonders problematisch wird es, wenn sie für sich in Anspruch nehmen, für andere Autisten sprechen zu wollen oder mit ihren Ansichten autistische Communities zu dominieren. Wenn das Bild von Autismus in der Öffentlichkeit auf eine Weise bestimmt wird, die dazu führt, dass Personen zu Autisten erklärt werden, die deutlich erkennbar keine sind - wie das Beispiel von Armand gezeigt hat - führt dies zu massiven Rückschritten bei der Gewährung von Hilfen für echte Autisten und dem Verständnis für ihre Probleme, welches immer noch dabei ist, sich erst langsam zu entwickeln. Warum ist das so? Menschen ohne autistische Informationsverarbeitung haben Fähigkeiten, die Autisten nicht besitzen. Und für sie sind Therapien hilfreich, die Autisten massiv schaden. So ist zum Beispiel eine Reha mit viel Sonnenlicht und Freigang sowie viel sozialer Interaktion für einen Nicht-Autisten generell eine gute Sache, einem Autisten wäre es generell ein absolut sicherer Burnout, sofern er diesen nicht davor schon gehabt hat.
Dass Menschen zunehmend offener für die Themen von Behinderung und psychischer Erkrankung werden, ist eine positive Entwicklung. Doch wenn diese in derartige Richtungen abdriftet, erleben wir durch eine Verengung des Denkens bezüglich Autismus auch eine Verengung des Diskursraumes. Und wie Armands alter Meister einmal zu sagen pflegte: „Haben wir davon nicht genug gehabt?“
[1] Vgl. hierzu Stephen Totterdell, Im falschen Film? Die kinematografische Repräsentation von Asperger und AD(H)S, in: N#mmer. Das Magazin für Autisten, AD(H)Sler und Astronauten, Nr.01/2015, S. 7-16.
[4] Auch Sibylles innerliches Wegtreten mag in diesen Kontext gehören. Es galt lange als spezifisches Krankheitssymptom der Schizophrenie und wurde als „autistische Episode“ bezeichnet. Daher entlehnte Hans Asperger auch die Bezeichnung des Autismus. Er schrieb jedoch schon damals in seiner Habilitationsschrift, dass dieses Verhalten, anders als bei Schizophrenie, beim Autisten kein Krankheitssymptom sei, sondern eine natürliche Folge des andersartigen Funktionierens von Autisten. Als „plötzliches Wegtreten“ wird aber in der Psychologie auch die Dissoziation charakterisiert, die oft infolge von schweren traumatischen Erfahrungen entsteht.
[5] Vgl. Autisten und die Empathie
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